Interview

„Ich bin eher ein Stimmenimitator“

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow über Kunsttypen, Computerphobie und Anti-Sänger

Jetzt gibt es sie schon zwanzig Jahre. Diese Band, die sich in Hamburg gründete, von der viele behaupten, sie machen Rockmusik für Intellektuelle oder Typen, die sich nicht verstanden fühlen. Dabei spielten sie doch einfach den Slacker-Rock nach, den Pavement oder Dinosaur Jr. damals prägten. Man tut Tocotronic unrecht, in dem man sie als Diskurs-Pop klassifiziert, sie sangen mit jugendlicher Wut gegen die spießige Welt der Kleingärtner an. Was man bei dem angedichteten Nischendasein vergisst: Die letzten fünf der insgesamt neun Tocotronic-Alben sind alles Top-10-Platten. Am Freitag erscheint mit „Wie wir leben wollen“ das zehnte Tocotronic-Album. Frédéric Schwilden sprach mit dem im Prenzlauer Berg lebenden Sänger und Textschreiber Dirk von Lowtzow.

Berliner Morgenpost:

Hat die Gruppe Tocotronic nach der Ablehnung der Heimwerkerei auf dem Album „Schall und Wahn“ nun auf „Wie wir leben wollen“ doch zum Möbelhaus und zum Heimwerken gefunden?

Dirk von Lowtzow:

Oh, endlich mal eine Frage, die uns noch niemand gestellt hat. Der Titel bezieht sich ja nicht auf Interieur und Einrichtung. Ich kann es für mich verneinen. Jan Müller hingegen interessiert sich sehr für Innenarchitektur. Der gibt sein Geld gerne für so etwas aus. Ich gebe es lieber für Klamotten aus.

Sie sind ziemlich gut in der Berliner Kunst- und Kultur-Szene angekommen.

Ich wohne schon 15 Jahre hier. Ich kannte viele Leute aus Berlin. Berlin und Hamburg waren schon vor der neunzigminütigen ICE-Fahrt nicht so weit entfernt.

Gibt es Galerien, die Sie besonders schätzen? Waren Sie auf der Berlin Biennale?

Die Biennale schau ich mir gar nicht an. Das finde ich scheußlich, dieses komische, das war ein furchtbares Konzept dieses Mal. Ich hab selber schon mit meiner künstlerischen Partnerin Jutta Pohlmann in der Galerie Cinzia Friedlaender ausgestellt. Der Chef des Plattenlabels meines Nebenprojekts Phantom Ghost David Liesken betreibt eine wundervolle Galerie in Wilmersdorf, die heißt „Matthew“. „After The Butcher“ ist noch ein toller Off-Space in Lichtenberg.

Sie haben Christian Krachts „Faserland“ als Hörbuch eingelesen. Dort lässt sich der Ich-Erzähler besonders über eine Person aus, die das Magazin „Texte zur Kunst“ liest. Fanden Sie diese scheinbar affektierte Kunstwelt 1995 auch so albern, wie Krachts Erzähler?

Überhaupt nicht. Es war eine witzige Idee von Christian Kracht, den ich auch überhaupt nicht kenne, mich als Sprecher des Buches vorzuschlagen. Ich bin ja eigentlich der Typ, den der Typ in dem Buch hasst.

Sie sind der Kunst-Typ, den der Erzähler hasst?

Ja! Ich fand „Texte zur Kunst“ super. Ich mochte das Buch damals überhaupt nicht. Ich fand diese gesamte Popliteratur scheußlich. Auch heute noch. „Faserland“ hingegen hat über die Zeit gesehen deutlich an Qualität gewonnen. Wenn man es heute liest, ist das super interessant, wie unfassbar genau das komponiert ist. Aber damals ging uns dieser elitäre Dünkel tierisch auf die Nerven, dieser Snobismus.

Wir sollten mal über das Album reden. Sie benutzen eine sehr klassische Sprache. „Berichte schreiben“. Das klingt nach altem Europa. Heute postet man oder featured.

Das hat schon mal jemand gesagt. Da wäre ich aber nie drauf gekommen. Es zeigt aber auch, wie wenig ich im digitalen Zeitalter angekommen bin. Ich bin sehr computerphobisch. Textlich geht es mir darum, eine gewisse Zeitlosigkeit zu erreichen. Nicht weil ich nostalgisch bin. Bei uns findet in den Texten so etwa wie Facebook keinen Widerhall. Auch wenn das jetzt ausschließend klingt, bald wird sich für Facebook keiner mehr interessieren und dann heißt der Scheißdreck wieder anders.

Auf diesem Album haben Sie zum allerersten Mal das Wort „Scheiße“ gesungen. Kommt jetzt die späte Entdeckung der Schimpfwörter?

Ist „Scheiße“ nicht ein tolles Wort? „Scheiße“ ist vielleicht das überhaupt schönste Wort, also nach „Hund“. „Hund“ und dann kommt „Scheiße“. Wenn man gut kombiniert, merkt man, das passt zusammen, vor allen Dingen im Prenzlauer Berg.

Zu René Pollesch haben Sie mal gesagt „Zu viel Freiheit macht dumm und faul“. Über die letzten zwanzig Jahre hat sich Tocotronic jede erdenkliche Freiheit erarbeitet.

Was ich damit meine: Es ist gut, sich selber Grenzen zu setzen. Ganz banal, wir haben als Rahmen Songs. Wir machen keinen Freejazz. Ich liebe Freejazz, aber wir machen eben keinen. Wir haben Songs.

Sie tun immer so bescheiden, „Wir machen Rockmusik“. Das ist doch Quatsch, oder?

Ja. Rock oder Pop. Ich nenn das halt' so. Das heißt ja nicht, dass man diese Grenzen nicht ausdehnen kann. Weshalb ich das zu Pollesch gesagt habe. Er bedient sich einer theatralischen Form, nämlich der des Boulevardtheaters. Und er mixt diese Form, also „Tür auf, Tür zu, Huch, ein Koffer“ mit theoretischen Texten. Das führt zu einem sehr interessanten Ergebnis. Gerade weil es Regeln gibt und dramaturgische Konventionen, von denen ich nichts verstehe. Es ist immer besser, dass es Regeln gibt und man verstößt dagegen oder dehnt sie aus, als dass man von vorneherein auf sie verzichtet und so vor sich hinwurschtelt. Das führt zu einer Beliebigkeit.

Früher haben Sie gesagt, Sie könnten weder Singen noch Gitarre spielen.

Man betreibt rückblickend Geschichtsklitterei. Ich habe sehr gerne gesungen. Man macht doch diese Art von Musik, die man selber hören will. Das war damals der richtige Ausdruck, das musste so gesungen werden. Die Bands, von denen wir beeinflusst waren, Dinosaur Jr. zum Beispiel, das waren auch nur komisch gepresste Laute, ein Quäken und Nölen. The Fall, Pavement, letztendlich auch Neil Young, das waren Anti-Sänger.

Jetzt singen Sie auf einmal mit richtiger Stimme. Gab es einen Anlass?

Beim Gesang passiert das vielleicht von sich selbst. Singen hat sehr viel mit Imitieren zu tun. Deswegen hat der Klang auf den ersten Alben vielleicht auch viel damit zu tun, auf Deutsch so zu klingen wie J. Masscis von Dinosaur Jr. bei seiner Band. Ich bin eher ein Stimmenimitator als ein wirklicher Sänger.