Filmkritik

Totgesagte leben länger

Früher war Tim Burton zu düster für Disney. Jetzt durfte er dort seine alte Horrorparodie neu auflegen: „Frankenweenie“

Tim Burton und Disney – das ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Tim Burton wuchs zwar in Burbanks auf, also quasi vor den Toren des Micky-Maus-Imperiums. Und im zarten Alter von nur 19 Jahren wurde er dort angestellt. Aber seine Mitarbeit an den Trickfilmen „Cap und Capper“ und „Taran und der Zauberkessel“ hat ihn eher gelangweilt. Und seine eigenen Kurzfilme, „Vincent“ (1981) und der Halbstünder „Frankenweenie“ (1984) lösten bei der Studioleitung Entsetzen aus: zu düster, zu abgründig, nicht kindgerecht. So verließ Burton das Studio anno ’85. Der große Kultfilmer, der Autorenfilmer des Makabren, des Abgründigen, des Schrägen wurde Tim Burton dann bei anderen Studios. Spätestens mit seinem „Batman“ war sein Stil mainstream-kompatibel. Das mag Disney ganz schön gewurmt haben.

Umso größer die Überraschung, als es 25 Jahre danach einen neuen Vertrag gab zwischen dem Studio und seinem einstigen Zeichner. Burton sollte „Alice im Wunderland“ neu verfilmen. Dafür durfte er auch noch einen zweiten Film drehen. „Alice“ war 2010 ein klassischer Burton, mit vielen abgründigen Ideen und finsteren Figuren, die man so in Disneys altem Klassiker von 1951 nie gesehen hat. Und doch war die Fabelwelt irgendwie zu bunt, zu knallig, zu wenig schwarzweiß, zu wenig burtonig.

Die eigentliche Sensation aber: Als zweiten Disney-Film legte Burton ausgerechnet „Frankenweenie“ neu auf. Den alten Kurzfilm, der den Konzern so entsetzte. Und diesmal ist auch der Disney-Burton ein echter Burton. Irgendwie ist die Geschichte im Film ja auch die seiner Genese: Geht es doch um den Jungen Victor und seinen geliebten Hund Sparky, der eines Tages unter die Räder kommt. Hier beginnt die typische Gothic-Fantasie des Filmregisseurs: Denn der Bub tüftelt an einer Apparatur mit vielen Drähten und Stöpseln. Und mittels Elektrizität macht er mit seinem Hund das, was der Horror-Kollege Frankenstein mit der Kreatur gemacht hat: Er erweckt ihn zu neuem Leben. Und das schockt die Nachbarschaft.

Der Halbstünder war 1984 noch ein Realfilm mit echten Schauspielern. Und mit liebevoll unbeholfenen Tricks – mehr gab das Budget nicht her. Das Remake dagegen ist jetzt ein abendfüllender Trickfilm, aufwendig und natürlich in angesagtem 3D produziert. Und doch hat Burton – wie zum Trotz – auf die alte, längst totgesagte Stop-Motion-Animation gesetzt, in der reale Puppen mühsam Bild für Bild bewegt und nicht virtuell im Computer hochgepixelt werden. Das Ganze ist denn auch, um gar nicht erst Missverständnisse auftreten zu lassen, in Schwarzweiß gedreht, wie einst der Kurzfilm. Und das berühmte Cinderella-Schloss, das vor jedem Disney-Film im Vorspann erscheint, wird in gräuliches Licht getüncht und von düsteren Orgelklängen eingeläutet.

Burton ist jetzt erst ganz bei Disney angekommen. Oder anders gesagt: Disney hat Burton diesmal gelassen. Und siehe da: Es ist das Beste, was dem Konzern passieren konnte. Der letzte Disney-Trickfilm „Ralph reicht’s“ war eine unverhohlene Werbung für Spielotheken, gerade auch für die ganz Kleinen, was nicht wenige Eltern verärgert hat. Das erfolgreichere Konkurrenzstudio Pixar, das Disney sich längst einverleibt hat, hat dagegen mit „Merida“ zuletzt einen Animationsfilm vorgelegt, wie er von Disney selbst hätte stammen können. Das typisch Pixarische scheint sich auch schon abzunutzen.

Da kommt der Disney-Burton gerade recht. Burton ist ja so etwas wie ein Gothic-Walt-Disney: Auch er im Grunde ein ewiges Kind, das seine Kindheitsfantasien auslebt, nur dass die eben unverkennbar makaber und schräg sind. Wie sein Victor kann Burton nicht von seinem Sparky lassen und re-animiert ihn mit altmodischer Gerätschaft. Und doch sprühen beide, der Monster-Hund wie der Film, danach Funken, die alle moderneren Computeranimationen ziemlich alt aussehen lassen.