Fotografie

„Das hat nichts mit Gurken zu tun“

Michael Schmidt stellt seine Fotografien von Lebensmitteln in Berlin aus. Wir haben sie uns mit Star-Koch Tim Raue angesehen

Als die Hand des Berichterstatters die von Tim Raue zur Begrüßung schüttelt, gibt es einen Schlag. Das heißt, es müssen Ladungsträger von der Kochhand auf die Reporterhand übergegangen sein. Macht auch irgendwie Sinn. Raue hat gerade ein Nachmittagsschläfchen gehalten, danach sollte man energetisch aufgetankt sein. Raues Gesicht ist aber noch nicht so weit. Ein bisschen grimmig schaut er. Dann sagt er „Los geht’s“ und wir steigen in das Cabrio des Fotografen und fahren von Raues Restaurant in der Rudi-Dutschke-Straße die 750 Meter zum Martin-Gropius-Bau. Raue sitzt natürlich vorn und erzählt, dass er gar keinen Führerschein hat und dass er sich nicht für Autos interessiert. Weil er das doof findet, dieses Autogeprotze.

Draußen sieht man schon überall diese Berlinale-Aufsteller. Dieter Kosslick mache sich viele Gedanken über Lebensmittel, meint Raue. Jetzt stehen wir drinnen. Vor der Treppe ist ein rotes Absperrband. Raue macht das einfach ab und wir gehen nach oben. Seit 12. Januar zeigt der Gropius-Bau schon diese „Lebensmittel"-Ausstellung von Michael Schmidt. Schmidt ist ein Riesen-Fotograf, der mit seinen Arbeiten „Waffenruhe“ oder „Ein-Heit“ schon im MOMA in New York ausgestellt hat. Außerdem kommt er aus Kreuzberg. Raue ist auch da geboren, 1974, 29 Jahre nach Schmidt. Also passt das ja, dass Raue sich mal die Bilder vom Schmidt anschaut.

In seiner Kochuniform wirkt Raue zwischen all den Lebensmittelbildern selbst wie ein Teil der Ausstellung. Sein Haar ist mit Gel nach frisiert, aber nicht so klatschig wie bei Guttenberg, sondern cool. Seine Augen sind grün. Und er hat etwas total Spitzbübisches. So als ob er sich innerlich immer über irgendwas lustig machen würde. Aber nicht bösartig natürlich.

Grüne Papaya, klebrige Burger

Im ersten Raum schauen wir dunkelgrauen Menschen bei der Ernte von hellgrauem Lauch zu. Die Erde sieht sehr trocken aus. Wahrscheinlich ist sie hellbraun und bestimmt ist der Lauch auch grün. Neben den Fotografien hängen keine erklärenden Texte. Zur Ausstellung sollte man wissen, dass Schmidt zwischen 2006 und 2010 Lebensmittel verarbeitende Betriebe in ganz Europa fotografiert hat. Schmidt tut das meist in Schwarzweiß. Nur ab und an sehen wir eine grüne Papaya oder einen schön klebrigen Cheeseburger mit tiefrotem Ketchup. Weil die Betriebe heute überall und nirgendwo stehen können, weil der Großteil der industriellen Lebensmittel auf der ganzen Welt gleich produziert wird, ist es auch total egal, wo der Ort ist. Vermutlich verzichtet Schmidt deswegen auf eine Erklärung.

Raue stimmt zu. Sehen kann man das nicht, sagt er. Aber schmecken! Jedenfalls wenn man die richtigen Produkte kauft. „Industrielebensmittel schmecken nach“, danach macht er eine Art Furzgeräusch mit den Lippen, und alle wissen, dass er das nicht mag. Aber was sind eigentlich Industrielebensmittel? Links hängt eine Bärchenwurst. Der Körper ist eigelbfarben, Beine, Fuß- und Armknubbel sind terracottabraun. „Wer glaubt, dass darin Fleisch ist, der glaubt auch an den Weihnachtsmann!“ Für Raue bedeutet industrielle Fertigung, Lebensmittel wie Autos produzieren. „Zwei Millionen Gurken auf einem Feld, der Traktor erntet ab, das hat nichts mit Gurken zu tun.“ Der Mensch kann nur existieren , weil er isst und trinkt.

Raue findet es furchtbar, dass man das in der Schule nicht lernt, also richtig zu essen und richtig zu trinken. Zuhause hat er das auch nicht gelernt. Die Mutter hat Steinpilzsuppe aus der Tüte und Mandarinen aus der Dose bei Aldi gekauft. „Kindern muss beigebracht werden, mit Lebensmitteln umzugehen. Das ist wie mit Drogen, Alkohol und Kippen. Du musst Leute aufklären. Was sie danach daraus machen, darüber will ich nicht richten.“

Einmal hat Tim Raue auf der Berlinale bei der Premiere zum Film „Food Inc“ gekocht. Das fällt ihm ein, als wir eine Kuh anschauen, die etwas traurig dreinblickt. Bei dem Film hat selbst der Zwei-Michelin-Sterne-Koch Tim Raue was gelernt. Zum ersten gibt es in Amerika nur fünf große Schlachthäuser, die machen alles tot. Da sausen Rinder, Schweine, Hühner in einer Highway-Geschwindigkeit in den Tod und danach in Plastik. Zum anderen, und das hat ihn wirklich beeindruckt, war da eine Szene, in der ein Helikopter zehn Minuten lang über Land fliegt und drunter waren nur Rinder. „Zehn Minuten lang nur Rinder. Das ist einmal über Berlin und noch weiter. Zehn Minuten!“

Die Ausstellung gefällt dem Koch nicht so richtig. Die gibt ihm nichts und er sieht hinter den Bildern von Schmidt auch keine Aussage. Zugegeben: Die Bilder sind eher langweilig. Es scheint, als würden ihn am meisten die wenigen Farb-Fotografien interessieren. So ein Scheiblettenkäse sieht schon geil aus. Fast wie eine Ikone. In gewisser Weise ist der Scheiblettenkäse so etwas wie die Hostie der Wiederauferstehung für die Deutschen. Der Krieg ist vorbei, jetzt schlemmen wir mal richtig.

Bei ihm klingt alles so cool

Klar ist Raue mit dem Toast-Hawaii aufgewachsen. „Ich find’ das gar nicht verkehrt. Der verbindet die Fruchtsüße der Ananas mit der Salzigkeit von Koschinken. Texturell wird das gepuffert von krossem Toast.“ Jetzt mal ehrlich, so formuliert kling selbst Toast-Hawaii wirklich cool. Wenn Raue was kann, dann Sachen cool ausdrücken, und kochen natürlich. Bei seinen Kollegen klingen Dinge wie Regionalität oder richtig Essen nach frigiden Anleitungen. Bei ihm klingt das lässig und hochwertig zugleich. Das passt gut zu seinem Naturell. Er hat ja auch so bunte Sneaker an und darüber die teure Kochuniform. Die ist aus einem ganz bestimmten indischen Stoff und wird noch mal mit Nanopartikeln beschichtet. So ist die komplett wasserabweisend, aber luftdurchlässig.

Weil Tim Raue im Adlon bald ein neues Restaurant eröffnet, müssen wir jetzt schon wieder gehen. Die Ausstellung war ja eh nicht so der Hit. Zum Abschied winken wir noch mal den zwei Cheeseburgern, die wie ein verliebtes Pärchen so niedlich nebeneinander sitzen. Raue meint, dass man solche Fotos Snapshot nennt. Er hat sich auch gerade einen gekauft. 4000 Euro hat der gekostet. Lebensmittel waren da aber nicht drauf.

Michael Schmidt: Lebensmittel Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner-Str. 7, Kreuzberg. Bis 1. April, Mi-Mo 10-19 Uhr.