Gedenken

Zwischen Berlinale und großen Musikern

Dieter Strunz, der langjährige Kulturchef der Morgenpost, ist 79-jährig in Tempelhof verstorben

Er war der wohl bedeutendste Kulturchef einer Tageszeitung im alten West-Berlin: Dieter Strunz, der gestern 79-jährig in seinem Tempelhofer Haus einer Krebserkrankung erlag, leitete von 1962 bis 1998 das Feuilleton der Berliner Morgenpost. Zuvor war er beim „Abend“. Der gebürtige Berliner kannte die Stadt wie seine Westentasche, er war unnachgiebiger Verteidiger ihrer Künstler und Kulturinstitutionen. Am liebsten saß er in der Charlottenburger Oper oder in einer Filmpremiere in den Kinos rund um den Zoo. Für seine Reportage „Ein waaahnsinniges Bachkonzert“ erhielt er 1990 den Theodor-Wolff-Preis. Das beschriebene Ereignis aus chaotischen Wendetagen war ein Glücksfall für den brillanten wie umtriebigen Journalisten.

Am 11. November 1989 bekam der Kulturchef in der Redaktion der Morgenpost einen seltsamen Anruf. Am Empfang warte „ein Herr Rostropowitsch“. Ob er sich als Kulturchef mal um ihn kümmern könne? Rostropowitsch? „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, dachte Dieter Strunz. Er eilte in die Halle, und dort stand tatsächlich der große Mstislaw Rostropowitsch, ohne Mantel, aber mit Cello im Arm. Der Exilrusse, der einst vor dem Stalinismus aus seinem Land geflüchtet war, wollte nur eines: „Ich werde ein Konzert an der Mauer geben.“ Es war nur eine kleine Kolonne, die sich vom Axel Springer Haus in Bewegung setzte, vielleicht zehn, zwölf Leute. Der Virtuose fand am Checkpoint Charlie eine geeignete Stelle, setzte sich auf den mitgebrachten Stuhl, nahm sein Cello und spielte drei Stücke von Bach. „Mit klammen Fingern und heißem Herzen“, schrieb Strunz. Eine knappe halbe Stunde dauerte das Solo an der gerade geöffneten Mauer. Ein hochsymbolisches Ereignis in kleiner Runde. Dieter Strunz erzählte noch Jahre später stolz lächelnd, dass er „Slawas“ (so Rostropowitschs Spitzname) kostbares Cello tragen durfte.

Von dem erfahrenen Kulturjournalisten konnte man einiges lernen. Beispielsweise über das Verhältnis von herumziehenden Stars zu einer Stadt. Da war Strunz ein kritischer Beobachter. Denn Stars kommen und gehen, wusste er, manchmal hinterlassen sie verbrannte Erde. Im Streitfall zwischen dem Stardirigenten Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern stand er auf Seiten der Musiker. Genau genommen stand er immer auf Seiten seiner Nachbarn. Für sie schrieb er seine Artikel. Er wusste stets, wer der Adressat seiner Kritiken, Kommentare und Kolumnen war. Erst gegen Ende seiner Amtszeit, als sich das überschaubare Berlin zur deutschen Hauptstadt aus- und umbaute, wirkte er gelegentlich ratlos.

Am liebsten aber schrieb er Filmkritiken. Dieter Strunz war bereits bei der Gründung der „Internationalen Filmfestspiele Berlin 1951“ dabei. Im Nachkriegs-Berlin fuhr er mit dem Fahrrad nach Steglitz, wo die Berlinale damals stattfand. Später saß er selber mehrfach im Auswahlgremium der Festspiele und rief als Vorsitzender des Clubs der Filmjournalisten den Lubitsch-Preis ins Leben. Außerdem begründete er die Berlinale-Leserjury der Morgenpost, die alljährlich einen Zusatzpreis vergibt. Das wird jetzt auch im Februar wieder so sein. Es ist ein Stück seines Vermächtnisses.