Klassikkritik

Philharmoniker präsentieren italienische Lebenslust

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Klaus Geitel

Riccardo Chailly am Pult der Berliner Philharmoniker zu erleben, vermag einen mit dem ersten Taktschlag gefangen zu nehmen. Er leitete die „Italienische“ Sinfonie von Mendelssohn Bartholdy ein und steigerte sie zu einem Wunderwerk musikalischer Italianitá, allerdings unleugbar deutscher Herkunft. Das aber macht sie gerade so interessant noch immer. Sie geht gewissermaßen auf fremde Hochzeiten tanzen. Ob das ganz freiwillig geschah, bleibe dahin gestellt. Mendelssohn Bartholdy war dem Musikleben Deutschlands immer ein Dorn im Auge. Einer dieser Dornen feiert in diesem Jahr vor Gott und der Musikwelt sogar seinen 200.Geburtstag. Richard Wagner wurde es zeitlebens nicht müde, gegen das Judentum in Mendelssohns Musik anzuwettern und sie aufs Boshafteste klein zu reden und sie in ein Schubfach abzuschieben, in das sie gar nicht gehört. Chailly angelt sie dort in aller Liebenswürdigkeit wieder heraus. Er lässt sie ganz einfach vom ersten Takt an in die Unsterblichkeit sprühen. Da gehört sie auch hin.

Es ist eine Musik, die Spaß macht – und dies auf die allernatürlichste, die eingängigste Weise. In ihr steckt die italienische Lebenslust. Man kann sich nicht satt hören daran, sie Takt für Takt zu genießen, zumal sie die Philharmoniker offenkundig von Herzen gern auf diese sprühende Gut- Wetter-Art offenbaren. Die Holzbläser werfen sich mit Lust in ihre verlockenden Aufgaben und lösen sie wie in einer musikalischen Feierstunde des Wohlklangs, des Frohsinns und der interpretatorischen Phantasie. Das Publikum war mit Begeisterung bei der Sache. Es durfte sich wie in den Ferien fühlen.

Mit denen war es mit Bruckners 6. Sinfonie natürlich vorbei. Sie wird ja seit ihrer partiellen Uraufführung 1883, in der nur ihr zweiter und dritter Satz erklangen, von ihren viel geliebten, grandioseren Geschwistern an die Wand gedrängt. Die Abneigung leitet sich wahrscheinlich aus dem Schluss-Satz her, für den Bruckner nur Floskeln der Vehemenz einfielen: eben Steigerungen in die Herkömmlichkeit, der jedes Finale von vorn herein aus dem Weg zu gehen hat. Eduard Hanslick war bei der Uraufführung dabei und sah Bruckner gefeiert. Er „genießt durch seine ehrenhafte, sympathische Persönlichkeit das allgemeine Wohlwollen, durch seine lehramtliche Tätigkeit die Liebe seiner Schüler, endlich durch seine schwärmerische Wagner-Verehrung die kräftigste Unterstützung der Partei“. In Berlin schlug sich das Publikum eindeutig auf die Seite Riccardo Chaillys. Er besitzt offenbar ein angeborenes Talent zur Lösung musikalischer Konflikte.