Literatur

„Ich habe ihn natürlich erschossen“

| Lesedauer: 8 Minuten
Richard Kämmerlings

Der Feind im eigenen Berliner Haus: Dirk Kurbjuweit hat einen Psychothriller geschrieben. Er hat die Geschichte selbst erlebt

Ein gediegener Altbau in Berlin-Lichterfelde. Die Familie Tiefenthaler, zwei kleine Kinder im Kita-Alter, der Vater ein recht erfolgreicher Architekt, zieht in ihre Eigentumswohnung. Hochparterre, ruhige Lage. Direkt unter ihnen, im Souterrain, wohnt ein Herr Tiberius zu Miete, alleinstehend, arbeitslos, um die Vierzig, ein bisschen kauzig, aber ganz nett. Kuchen werden gebacken und vor die Tür gestellt. Ein Zettel dazu: „Auf gute Nachbarschaft“.

Nur wenn die junge Mutter Wäsche aufhängt, leistet ihr Herr Tiberius seltsam regelmäßig Gesellschaft. Es beginnt etwas unangenehm zu werden. Dann fällt in der Waschküche eine zweideutige Bemerkung. Man ist empört. Es folgt ein Liebesbrief. Dann plötzlich andere, drohende Briefe, in denen die Eltern des Missbrauchs ihrer Kinder bezichtigt werden. Dann zeigt Herr Tiberius sie an. Als der Vater auf Reisen ist, steht der Nachbar des Nachts glotzend im Garten. Die Polizei kommt, aber sie kann nichts tun. Die Rechtsanwältin winkt ebenfalls ab. Tür an Tür mit einem Stalker und keine Hilfe in Sicht: Binnen weniger Monate ist das Leben zum Horrortrip geworden.

„Acht Monate Hölle“

Der neue Roman von Dirk Kurbjuweit ist ein Psychothriller und heißt „Angst“. Er erzählt von einer Schreckensfantasie unseres bürgerlichen Alltags. Plötzlich nistet sich an ganz unerwarteter Stelle, mitten im Eigenen und im Vertrauten, eine Gefahr ein, gegen die man wehrlos scheint. Romanciers sind dafür da, sich solche Szenarien auszudenken. Thriller spielen das durch, was düsteren Tagträumen entspringt. Unsere Urängste sind die Domäne der Fiktion. Dachte ich, der Kritiker.

Und dann sagt Dirk Kurbjuweit: „Wir haben es erlebt“. Und: „Diesen Herrn Tiberius gibt es in unserem Leben“. Und: „Acht Monate Hölle. Durch diese Hölle sind wir gegangen.“ Wenn Kurbjuweit von „Hölle“ spricht, tut er das nicht leichtfertig. Zuvor haben wir lange über seinen vorigen Roman gesprochen, „Kriegsbraut“, der aus der Sicht einer jungen Bundeswehrsoldatin vom Krieg in Afghanistan erzählt, von der Unvermeidlichkeit der Schuld, von täglicher Bedrohung durch Minen und Sprengfallen, von zivilen Opfern und gefallenen Kameraden.

In „Angst“ (Rowohlt Berlin, 256 Seiten, 18,95 Euro), der kommende Woche erscheint, hat Kurbjuweit nun erstmals Selbsterlebtes verarbeitet. In der Eingangsszene feiert Familie Tiefenthaler in der Justizvollzugsanstalt Tegel den Geburtstag des Großvaters. Der Rentner, ein Waffennarr, hat Herrn Tiberius erschossen. Ein Kriminalfall also, in dem Opfer und Täter von Anfang an klar zu sein scheinen. Wie es zum Todesschuss kam, das erzählt „Angst“ spannend und effektvoll retardierend. Die wachsende Paranoia der Eltern, die kaum merkliche Verstörung der Kinder, die zunehmenden Rachefantasien, das schwindende Vertrauen auf eine legale Lösung, den Zynismus der Umgebung.

Alles genau so selbst erlebt, sagt Dirk Kurbjuweit, vor gut zehn Jahren: Dass die eigene Anwältin anbietet, sie könne eine Pistole besorgen. Dass irgendwelche Bekannte sagen, sie würden da „einen Türsteher“ oder einen „Tschetschenen“ kennen. Dass der verständnisvolle, aber machtlose Polizeibeamte auf die verzweifelte Frage nach einem Rat fast wie zufällig die Hand auf seine Dienstwaffe legt. Er sei ein „großer Rechtsstaatsfanatiker, ein Legalist“, sagt Kurbjuweit, doch dann ist man im Recht, aber bekommt es nicht. Er habe gedacht: „Gebt mir einen gesetzlichen Weg, wie ich diesen Mann loswerde, ich will den nicht erschießen.“ Es war, als gäbe es unterhalb der Welt, in der man lebt, noch eine andere. Das Schlimmste waren die eigenen Fantasien: „Im Kopf war ich ein Barbar. Man sagt ja manchmal leichthin: ‚Den könnte ich umbringen‘. Aber das war schon einen Schritt weiter.“ Wenn er sich heute daran erinnert, fällt er immer wieder von der Vergangenheit ins Präsens: „Der war ja im eigenen Haus, in der Burg. Direkt unter uns. Der hörte uns, wir hörten ihn, er ist immer da. Und keiner hilft Ihnen.“

Erst in ihrem Versagen wird evident, wie notwendig die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft sind. Dies könnte, wenn man eine sucht, die positive Botschaft eines finsteren Romans sein, in dem Selbstjustiz mehr und mehr als letzter Ausweg lockt: „Gerade wir sind darauf angewiesen, dass nicht geschlagen wird“, sagt Kurbjuweit und schaut mich prüfend an: „Ich kenne Sie jetzt nicht gut, aber ich nehme an, Sie sind auch kein Schläger. Und wenn hier die Barbarei ausbricht und das Faustrecht gilt, dann gehen wir beide als erstes drauf.“

Journalist wollte der 1962 geborene Kurbjuweit, der seit 1999 für den „Spiegel“ arbeitet, schon früh werden. Erst später reizte ihn das Romaneschreiben, die Möglichkeit, „Realität nicht nur zu erfassen, sondern mit ihr auch spielen zu können, sie zu verändern und zu verfälschen“. Längst ist daraus eine Doppelexistenz geworden. Das Tempo, mit dem Kurbjuweit neben seinem vermeintlichen Hauptberuf Bücher vorlegt, dürfte Schriftsteller- wie Reporterkollegen gleichermaßen irreal vorkommen. Mit „Nicht die ganze Wahrheit“ (2008) hat er einen Roman über den Berliner Politikbetrieb verfasst; sein Adoleszenzroman „Zweier ohne“ (2001) ist inzwischen gar Schullektüre. „Kriegsbraut“ (2011) darf als einer der ersten gelungenen Afghanistan-Romane in der deutschsprachigen Literatur überhaupt gelten. Und „Angst“ braucht sich vor der Thriller-Konkurrenz nicht zu verstecken; ein bisschen fühlt man sich an die Erfolgsromane des Niederländers Herman Koch erinnert – nicht nur weil auch darin die moralische Frage im Zentrum steht, wie weit man für den Schutz der eigenen Familie zu gehen bereit ist.

Wie schafft man das so nebenbei? Er sei ein sehr „ritualisierter“ Schreiber, sagt Kurbjuweit. Jederzeit und überall notiere er sich Szenen und Dialoge in eine Kladde. Bei seinem Beruf sei das gar nicht anders denkbar. „Wenn ich beispielsweise mit Merkel in Vietnam bin und dann warten muss, weil sie etwa gerade beim Ministerpräsidenten ist, dann schreibe ich eben an meinem Roman. Und dann kommt sie raus, und ich bin wieder bei ihr.“ Wenn sechs Kladden voll seien, folge eine Phase des Gliederns, das sei das Wichtigste, das mache er stets im Café Manzini in Wilmersdorf. Bei einem Roman dauere das eine Woche. Schreiben sei dann nur noch Formulieren: Dafür geht er jeweils zwei Wochen in Klausur, fertig. Braucht da jemand noch den Mythos des genialen, monatelang auf Eingebung wartenden Autors?

Mit Ingo Schulze habe er sich einmal darüber ausgetauscht. Dessen Arbeitsweise bewundert er, aber die Kontemplation eines klassischen Schriftstellers wäre ihm vollkommen unmöglich: „Ich kann mich nicht ein, zwei Jahre hinsetzen und einen Roman schreiben. Ich muss schreiben, wenn ich schreiben kann.“

Die Geschichte mit Herrn Tiberius ist damals – „natürlich“, so möchte man beruhigt sagen – anders ausgegangen: Der Nachbar ging nach Monaten des Psychoterrors am Ende freiwillig. In lichten Momenten bat er um Hilfe, und man konnte die Polizeipsychologin einschalten. „Sie hatte damals gesagt, dass sie nicht zu ihm gehen kann, aber wenn er selbst zu ihr kommt, dann kann sie eingreifen. Jedenfalls war er weg, tauchte niemals auf, inzwischen ist er tot.“ Danach haben sich Kurbjuweits zwei riesige Hunde angeschafft, um ihr „Sicherheitsgefühl“ wiederherzustellen.

Im Gegensatz zum Journalismus erlaubt der Roman das Spiel mit der Wirklichkeit, sicher. Aber er ermöglicht auch ihre tiefe Durchdringung. Denn zur Wirklichkeit gehören auch unsere Ängste und unsere Imagination. „Das war eine absolut schwarze Zeit. Und das bleibt dann auch. Im Kopf jedenfalls bin ich über bestimmte Grenzen gegangen. Ich habe den natürlich erschossen. Ich kann schießen, und im Kopf habe ich das in meiner Verzweiflung schon gemacht.“ In seinem Roman ist das nachzulesen. Man muss ihn als Geständnis lesen.