Theater

Angst essen Wengenroth auf

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Reinhard Wengierek

Ein Fassbinder-Abend in der Schaubühne: Flott gemacht, kurz gedacht

Nach Schiller, Brecht, Nietzsche jetzt neu in Patrick Wengenroths Schaubühnen-Panoptikum: Rainer Werner Fassbinder. RWF, der Dichter, Theater- und Filmemacher (1946-1982), der einst im antiautoritären APO-Geist in München das kollektivistische „Antitheater“ gründete. Bürgerschreck-Betrieb mit aufrührerischer Ästhetik. Die Leute sollten – frisch aufgeklärt und wütend über ihr verspießertes Dasein nach Hause eilen und Revolution machen. Naja. Dann ging RWF zum Film. Machte subtile Kammerspiele, monumentale Melodramen, so packende wie politisch fein grundierte Schicksalserzählungen. Und wurde plötzlich weltberühmt. Auch für sein vergrübeltes, exzessives Leben; „lieber kurz und intensiv als lang und genormt“. Schon mit 36 war Schluss.

Wengenroths poetisch-journalistisches Collagentheater aus zusammengeschnipselten RWF-Zitaten unter dem Titel „Angst essen Deutschland auf“ spielt an auf den herzzerreißenden Fassbinder-Film „Angst essen Seele“ auf“ (1977). Die Seele sei tief melancholisch (wie der Lederjacken-Macho selbst), sagt RWF. Weil: Sie wisse mehr als Verstand. Also geht es in der grellweißen Studiobox (Mascha Mazur) schwer kontemplativ zu. Das Kollektiv der herrlichen Schauspieler als RWF-Groupies oder als Mix der RWF-Doubles in hautengen Hosen, das hängt depressiv ab: die abgewrackten Ladies Jule Böwe & Lucy Wirth, die Kerle und Tunten Niels Bormann, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Sebastian Nakajew. Es ist die Genossen-Crew bayrische Anarchisten aus der 68er Antitheater-Zeit, die da auf dem Flokati mit dem Dildo in der Faust die himmlische Utopie, die Autoritätsfixiertheit der Masse, die staatliche Gewalt (im Scheiß-Rechtsstaat) sowie die ihrer künstlerischen Gruppenführung (der Scheiß-Regisseur) endlos bis zu Erschlaffung diskutieren. Demokratie sei halt schon das kleinste aller Übel. Das Beste aber wäre „ein ganz lieber, guter, ordentlicher, autoritärer Führer“ – süße Worte, die der Flauschteppich gnädig schluckt. Und weil die Seele der wie auch immer mehr oder weniger erregten Redner klüger ist als deren Verstand, versinkt sie resigniert im Soulpop der Gruppe „Glashaus“ (Musik: Matze Kloppe). Was übrig bleibt vom „Anti“, von Weltverbesserei, Aufruhr und Orgie: Katerstimmung. So das Wengenrothsche Fazit, das Fassbinders unentwegt loderndes „Trotzalledem“ (in dem er letztlich verbrannte) ausblendet. Wengenroth schält kurzerhand aus dem Fassbinder-Riesen einen zynisch-nihilistischen Alles-Scheiße-Zwerg.

Freilich, RWF litt an Deutschland, an den Deutschen, an der Menschheit. Aber er sagte: „Etwas, vor dem ich Angst habe, setzt mich in Gang.“ Mit seinem kurzen Schnellgang immerhin hat er es äonenweit weit gebracht. Doch davon keine Rede. Wengenroth klebt am verlorenen Münchner Traum- und Quassel-Teppich. Geht nämlich obendrein gut fürs Deutschland-Bashing; Motto: Angst isst Deutschland auf, deshalb muss hier alles anders werden. Doch das ist nicht simpel Fassbinder, das ist einfältig Wengenroth. Denn keine kollektive Angst verspeist Germanien, sie nagt höchstens – wie immer und überall bei jedermann.

Und zum vermeintlich knalligen Finale als Anti-Utopie: Helmut Kohls Regierungserklärung anno 1982, als RWF starb. Demokratisch vernünftige Realpolitik trifft auf urkommunistische Schwärmerei. Dazu mimt Wengenroth den ideologischen Fassbinder, lässt Hose runter und zieht Hintern blank zum Altkanzler-Zitat. Leckt mich als sein letztes Wort – klingt flott, ist aber das Missverständnis des ganzen Abends. Denn: RWF war größer als alle Politik, Theorie, Schwärmerei und Angst.

Studio Schaubühne. Termine: 12., 13. Januar. Tel. 89 00 23.