Tugan Sokhiev

Ein fröhlicher Romantiker

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Chefdirigent Tugan Sokhiev setzt beim Deutschen Symphonie-Orchester auf russische Werke

Er wirkt höflich und ein bisschen smart: Tugan Sokhiev hat in dieser Saison sein Amt als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters angetreten. Der junge Russe, Jahrgang 1977, gilt Kennern als eine Dirigenten-Entdeckung, die meisten werden seinen Namen noch nicht kennen. Bei seinem Berliner Orchester will er künftig mehr russisches Repertoire präsentieren, so wie an diesem Wochenende Prokofjews Oratorium „Iwan der Schreckliche“ mit Wladimir Kaminer als Sprecher. Volker Blech sprach mit dem Dirigenten.

Berliner Morgenpost:

Herr Sokhiev, die Musikwelt feiert in diesem Jahr die 200. Geburtstage von Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Wer ist Ihr Favorit?

Tugan Sokhiev:

Es ist Pech für die beiden großen Komponisten, dass sie im selben Jahr gefeiert werden. Wenn ich mich für einen entscheiden sollte, dann wäre es Verdi. Er hatte einen großen Einfluss auf die europäische Musik, insbesondere auf die Oper. Genau genommen so wie Wagner. (lacht) Vielleicht fühle ich mich Verdi einfach deshalb mehr verbunden, weil ich ihn bisher häufiger dirigiert habe. In diesem Jahr mache ich „La Traviata“, „Die Macht des Schicksals“ und „Don Carlos“ am Marinskij-Theater in Petersburg.

Was mögen Sie an Wagner und was nicht?

Was mich an Wagner unheimlich beeindruckt, ist, dass er eine große Vision hatte, der er zeitlebens bedingungslos folgte. Dazu gehört auch der Bau eines eigenen Festspielhauses in Bayreuth. Er war ein Genie und hat viel wunderbare Musik komponiert. Aber es gibt auch weniger gute Werke. Manchmal wünschte ich mir, dass seine Musik weniger auf der Stelle tritt, sondern sich die Geschichte zügiger fortentwickelt. Aber wenn ich mir den dritten Akt vom „Siegfried“ anhöre, dann gehe ich ganz in der Musik auf. Das ist genial.

In Deutschland wird immer wieder um die Person Wagner gestritten, weil er rassistisches Gedankengut in sich trug oder ein eigenwilliges Frauenbild vertrat. Beschäftigen Sie solche biografischen Hintergründe?

Um ehrlich zu sein, diese Aspekte interessieren mich nicht so sehr bei meiner Beschäftigung mit Wagner. Man sollte um die Geschichte wissen, aber man gleichzeitig nie vergessen, dass Wagner in einer anderen Zeit lebte. Jeder Mensch hat gute und schlechte Seiten. Ich maße mir nicht an, die Person Wagner zu verurteilen.

Urenkelin Nike Wagner beschrieb den Unterschied zwischen Verdi und Wagner kürzlich mit Umtata kontra Unendliche Melodie. Das klingt böse, ist aber musikalisch korrekt.

Ich stehe in der Mitte.

Wie viel Russisches steckt in Ihnen als Dirigent?

Ich habe in Russland meine Ausbildung genossen und gute Lehrer in St. Petersburg gehabt. Aber ich bin schon sehr früh auf Reisen gewesen, habe viele Erfahrungen im europäischen Ausland gesammelt. Es ist doch heute nicht mehr wie im 19. Jahrhundert, dass man als Russe vor allem mit russischen, als Deutscher mit deutschen, als Italiener mit italienischen Orchestern zu tun hat. In meinem Denken bin ich Europäer und Weltbürger.

Aber es gibt nach wie vor eine russische Schule, sprich: eine spezielle, harte Art des Probens. Jetzt sind Sie in Berlin und leiten ein typisch deutsches Orchester, deren Musiker pädagogisch anders aufgewachsen sind. Wie gehen Sie damit um?

Das erste, was ich sagen muss: Das Deutsche Symphonie-Orchester ist nicht typisch deutsch, auch wenn es ein Orchester ist, dass in Berlin ansässig ist und in der deutschen Tradition steht. Aber es gibt schon deutliche Abstufungen unter den hiesigen Orchestern. Das DSO ist in seinem Denken, in seiner Intelligenz sehr offen für andere Einflüsse. Es hat einen musikalisch weiten Horizont. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn regelmäßig Dirigenten aus England, Amerika oder Japan am Pult stehen und an den Klangbildern feilen. Für mich war es überhaupt kein Problem, einen Zugang zum Orchester zu finden.

In Deutschland gab es vor Jahren eine Diskussion über den deutschen Klang. Irgendwann wurde die Diskussion lustlos beendet und alle erklärten ihre Orchester lieber für weltoffen, vielseitig, professionell. Gibt es noch einen russischen Orchesterklang?

Ja, den gibt es. Wobei der russische Sound nicht weit weg ist vom deutschen. Der Klang ist sehr kraftvoll, sehr strahlend, sehr tragend, aber auch singend. Das ist der Klang des spätromantischen Repertoires, wie wir es von Brahms her kennen.

Jeder Chefdirigent möchte oder muss sogar in seiner Ära das Orchester klanglich prägen. Was schwebt Ihnen fürs DSO vor?

Ich setze auf Kontinuität beim Deutschen Symphonie-Orchester, möchte aber natürlich weiterhin an den Klangfarben arbeiten. Das hat nichts mit einem russischen Klang zu tun, sondern mit einem breiten Spektrum der klanglichen Möglichkeiten. Es werden schließlich italienische, deutsche, russische oder französische Werke erarbeitet und aufgeführt, das gilt es aufzuspüren. Und Wagner hat ganz andere Farben als Brahms.

Vielleicht wollen Sie ja ein mehr strahlendes Orchester oder eines mit mehr Melancholie?

Über die Melancholie kann man nachdenken, ja. Aber es gibt unterschiedliche Erscheinungen von Melancholie. Die eine ist tieftraurig, die andere eher hoffnungsvoll, die dritte sehr nostalgisch. Die Differenz dieser Feinheiten herauszuspielen, dass ist eine musikalische Herausforderung. Ich würde mich selbst als einen fröhlichen Romantiker bezeichnen.

In der Philharmonie dirigieren Sie jetzt Prokofjews „Iwan der Schreckliche“. Wer ist Ihr russischer Lieblingskomponist?

Tschaikowski, eindeutig. Seine Werke sind niemals banal und immer voller innerer Leidenschaft. Er ist mir nahe.

Sie stammen aus Nord-Ossetien, einer abgelegenen Kaukasus-Republik.

Wir sind in meiner Familie seit vielen Generationen Ossetier. Wir verstehen uns als ein Teil von Russland. Offizielle Landessprache ist Russisch, aber wir haben auch noch eine eigene Sprache. Die beiden Kulturen haben sich gut gemischt. In der Hauptstadt Wladikawkas, wo ich aufgewachsen bin, gibt es eine Philharmonie, ein Opernhaus und ein Musikkonservatorium. Viele Künstler – auch meine Lehrer – kamen aus Petersburg und Moskau zu Konzerten. Ich habe klassische Musik immer live erlebt und auf hohem Niveau. In meiner Familie gibt es Musikliebhaber, aber ich bin der erste professionelle Musiker.

In Ihrem Konzert tritt jetzt der Berliner Vorzeige-Russe Wladimir Kaminer auf. Haben Sie sich schon getroffen?

Aber ja. (lacht) Er ist ein wirklich origineller Mensch und außerdem sehr clever.

Kaminer ist derjenige, der den Deutschen die russische, vielleicht sogar besser sowjetrussische Mentalität erklärt. Hat er deshalb für „Iwan der Schreckliche“ einen neuen Text gemacht?

Ursprünglich war es ein Text auf Sergej Eisensteins Film aus den Vierzigerjahren, Prokofjew hatte die Musik dafür komponiert. Der Text ist wirklich sehr archaisch. Wladimir Kaminer hat inhaltlich keinen neuen Text verfasst, sondern ihn so modernisiert, damit das Publikum ihn verstehen kann.

Philharmonie 12./13. Januar um 20 Uhr