Theater

Vor Romantik wird dringend gewarnt

Auch ein verkorkster One-Night-Stand hat sein Gutes: „Eine Sommernacht“ in der Komödie am Kudamm

In Shakespeares „Sommernachtstraum“ spielt in dieser Nacht, der kürzesten des Jahres, ein ganzer Wald verrückt. Bei Helena und Bob sind es allenfalls die Hormone, mal abgesehen von der Unmenge Alkohol, die dabei noch im Spiel ist. Deswegen heißt das Stück von David Greig (Text) und Gordon McIntyre (Musik) auch nur schlicht „Eine Sommernacht“, obwohl sowohl Helena als auch Bob nichts dagegen gehabt hätten, wenn das alles nur ein Traum gewesen wäre, ein böser. Das einzig Gute an diesem verkorksten One-Night-Stand war, dass sie, die erfolgreiche Scheidungsanwältin und er, der kleinkriminelle Ganove, sich zumindest niemals wiedersehen würden.

Zügig und fürs Boulevardtheater ungewohnt deftig geht’s gleich von Anfang an zur Sache. Ganz anders als vor drei Jahren, als Oliver Mommsen und Tanja Wedhorn in „Gut gegen Nordwind“ zum ersten Mal und sehr bejubelt gemeinsam auf der Bühne der Komödie am Kurfürstendamm standen und ewiglich E-Mails hin- und hergingen, bevor eine reale Begegnung ihrer Figuren auch nur in Aussicht stand. Das war romantisch! Und bei Helena und Bob? Die zwei treffen sich natürlich wieder. Sie im, nunja, vollgekotzten Brautjungfernkleid auf der Flucht vor der Hochzeitsgesellschaft ihrer Schwester. Er, auch auf der Flucht nach einem seiner krummen Dinger, im Handgepäck 15 000 Pfund fremdes Bargeld in kleinen Scheinen, die sie verjubeln werden, zum Beispiel in einem japanischen Bondage-Club. Nicht ganz das, was man sich unter einer Herzschmerz-Schmonzette so vorstellt.

Und tatsächlich erkennt Regisseur Folke Braband, der das federleichte Stückchen jetzt für die Komödie am Kurfürstendamm inszenierte, dass in diesem Stück alle fast zwanghaft versuchen, der Romantik aus dem Weg zu gehen. Helena und Bob selbst sind sich ohnehin einig, dass sie absolut nicht aufeinander stehen und das Edinburgher Wetter steuert Dauerregen bei. Regisseur Braband macht da einfach mal mit. Bei ihm schwappt und schüttet es im Hintergrund auf einer Art überdimensioniertem Tablet-Bildschirm ohne Unterlass, derweil davor Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen wie Regisseure ihrer eigenen Story erzählen, wie sich das alles so zugetragen hat. In Rückblenden, Wiederholungen, Zeitsprüngen. Wird es doch mal fast romantisch, dann überhöht eines dieser kitschige Plakate mit einem Schattenrisspaar vor Palmen die Sache derart, dass man sich nicht an das Herz fasst, sondern eher mit den Augen rollt.

Dazu kommt, dass Braband zusammen mit seinen Darstellern reichlich filmische Mittel einsetzt, schon die Bühne von Tom Presting, mit mehreren frei stehenden Scheinwerfern und einer Art rollbarer Requisitenkiste legt diese Assoziation nahe. Wie Wedhorn und Mommsen darin zu Höchstform auflaufen, wie sie ihre Phantasie visualisieren und verbalisieren, das hat nicht nur Klasse, sondern erinnert mit diesem Stil, der die Zeit außer Kraft setzt, durchaus an „Die fabelhafte Welt der Amélie“, nur dass Edinburgh eben nicht Paris ist. Schöne Musik gibt’s trotzdem, live begleitet von Felix Huber, gesungen von den beiden Darstellern, immerhin zum Teil in Englisch, aber nur zum Teil und die deutschen Songtexte sind leider ganz furchtbar.

Aber dieses Bühnenpaar Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen, das ist alles andere als das. Es überstrahlt mit Witz und Charme, mit diesen kleinen Boy-meets-Girl-Gesten der Verlegenheit, mit Mut zur Albernheit spielend auch jene Passagen, wo es dann doch manchmal etwas sehr holterdiepolter zugeht auf der Bühne. Es knistert und sprüht, es funkelt und blitzt zwischen den beiden. Wieder einmal, kann man nur sagen. Und so kommt es, dass das, was als Mittsommernachtsalbtraum begann dann irgendwie doch noch ein richtig schönes Sommermärchen wird. Ohne „wir leben jetzt glücklich bis ans Ende unserer Tage“ und ohne Sonnenuntergang versteht sich. Aber, ja doch, sehr romantisch.

Noch bis zum 20. Januar in der Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209 Kartentel. 88 59 11 88