Joe Cocker

Mein Leben ohne Alkohol und Drogen

Joe Cocker trinkt nicht mehr, geht mit seinen Hunden spazieren und singt unbeirrt weiter. Demnächst auch wieder in Berlin. Ein Interview

Joe Cocker ist trotz seiner 68 Jahre nicht kleinzukriegen. Sitzt schon am noch recht frühen Morgen in bester Laune im Berliner Hotel de Rome, schlürft einen Tee und freut sich auf einen kleinen Spaziergang durch den Tiergarten. Der Mann mit der Schmiergelstimme wirkt nicht wie der Weltstar, der er mit Klassikern wie „Unchain my Heart“, „With a little Help from my Friends“ oder „Up where we belong“ zweifelsohne ist. Steffen Rüth spricht mit einem freundlichen, leicht kauzigen älteren Herrn aus Sheffield. Es geht um das neue Album „Fire it up“, das genau so klingt, wie man es von Cocker erwartet.

Berliner Morgenpost:

Herr Cocker, mit Ihrem 2010 veröffentlichten Album „Hard Knocks“ gelang ihnen nach vier Jahrzehnten Karriere die erste Nummer Eins in den deutschen Charts. Waren Sie überrascht?

Joe Cocker:

Das hat mich umgehauen. Niemand hat das erwartet, ich selbst erst recht nicht. Ich konkurriere um das bisschen Aufmerksamkeit der Leute mit lauter 24-jährigen, halbnackten Mädchen. Deshalb ist es ein kleines Wunder, dass ich als alter Blueser immer noch diesen Erfolg habe.

Vielleicht wollen die Leute lieber alte Blueser als junge Mädchen singen hören?

Vielleicht ist das so, ja. Speziell in Europa. Jungs wie Mark Knopfler, Rod Stewart oder Elton John sind immer noch sehr gefragt. Es freut mich, und es spornt mich auch an.

Zu was?

Keine alte Musik zu machen. Mein Produzent Matt Serletic, der schon „Hard Knocks“ betreute, und ich, wir wollten ein aufgeschlossenes, modernes Album machen. Matt ist clever, er weiß, wie das Radio funktioniert. Zugleich haben wir dafür Sorge getragen, dass die Wurzel meiner Musik erhalten bleibt. Blues und Rock sind nach wie vor die tragenden Säulen. Und so gibt es mit „Eye on the Prize“ eben eine funkige Nummer, die an New Orleans erinnert.

Wie wichtig sind die Balladen?

Sehr wichtig. Ohne langsame Songs wäre ein Joe-Cocker-Album nicht denkbar. „You love me back“ halte ich für meine stärkste Ballade seit Jahren. Es ist ja heutzutage zum Glück so, dass mir über das Internet unheimlich viele Songs angeboten werden. Man gibt bekannt, dass ein neues Album entsteht, und schon schicken dir alle möglichen Leute ihre Angebote. Vieles ist dann dabei, was wirklich eher für 20-Jährige geeignet wäre, weil es einfach zu erotisch und sexuell ist.

Singen Sie in „I’ll be your Doctor“ nicht darüber, wie Sie eine Frau in Fragen in körperlicher Liebe verarzten?

Ja, diese Nummer ist etwas frivol für einen 68 Jahre alten Mann. Ich fand den R&B-Rhythmus des Songs aber so unwiderstehlich, dass ich nicht auf ihn verzichten wollte. (lacht)

Sind Sie ein guter Liebesdoktor?

Weiß nicht. Meine Frau scheint zufrieden zu sein. Ich selbst nehme meine Texte jedoch nicht sehr persönlich. Wenn ich singe, katapultiere ich mich in eine andere Welt hinein. Auf der Bühne werde ich zu einem anderen Menschen. Ich sehe mich als Schauspieler, als Darsteller meiner Lieder.

Sie sagen, früher haben Sie Ihre Songs stärker gelebt. Wie meinen Sie das?

Jeden Abend „Many Rivers to cross“ zu singen, also ein Stück über Einsamkeit, der man nicht entkommen kann, trug sicher dazu bei, dass ich depressiv wurde. Der Song hat mich fertig gemacht. Denn das Leben war ja wirklich so, wie in dem Lied beschrieben.

Wie denn?

Alle denken, so eine Tournee ist eine gesellige, superlustige Angelegenheit. Aber meist reise ich ohne die Band, und in Wirklichkeit ist es schrecklich langweilig, so lange weg von zu Hause zu sein und viel zu viel Tagesfreizeit zu haben. Heute spiele ich stundenlang auf meinem iPad herum oder lese. Früher habe ich ab nachmittags getrunken – um die Zeit totzuschlagen.

Ist denn der Alkohol noch eine Versuchung für Sie?

Ich habe seit elf Jahren keinen Drink mehr angerührt. Ich versuche mich, vor Versuchungen fernzuhalten. Zum Beispiel gehe ich so gut wie gar nicht mehr in Bars oder Kneipen. Was allerdings noch einen anderen Grund hat. Ich kann den Abend nicht genießen, ohne dass irgendwann jemand ankommt und, meist sehr laut, sagt: ,Joe, sing doch mal was.‘ Auf diese Weise wurde mir schon mancher Kneipenbesuch versaut. Denn: Wenn man Nein sagt, ist man der eingebildete Arsch. Wenn man es macht, fühlt es sich an, als sei man bei der Arbeit.

Waren Sie sehr stolz, als die Queen Sie zum Ritter schlug?

Ich bekam nicht die Queen. Ich bekam Prince Charles.

Waren Sie darüber enttäuscht?

Nö. Charles ist ein feiner Kerl. Er hat einen kleinen Vortrag gehalten. Das war ein schöner Tag. Und meine Frau Pat war, obwohl sie Amerikanerin ist, sehr stolz.

Sie leben seit vielen Jahren auf dieser Farm in den Rocky Mountains. Wie müssen wir uns Ihr Leben in Colorado vorstellen?

Also, am Wochenende stehe ich oft um 6.30 Uhr auf und gucke mir die Spiele der Premier League an. Colorado hat weder den Engländer noch den Fußballfan aus mir herausbekommen. Außerdem gehe ich jeden Tag spazieren, ganz egal, wie das Wetter ist. Das ist mein Sport. Wir haben zwei Hunde, die müssen halt raus. Die Hunde sind beim Wandern auch deshalb wichtig, weil sie die Bären riechen.

Würden Sie Ihre künstlerischen Erfahrungen als Juror in einer Castingshow einbringen wollen?

Vor drei Jahren hatte ich einen Auftritt bei „American Idol“. Ich habe jede Sekunden davon gehasst. Ich fühlte mich wie ein alter Filmstar, den sie noch einmal aus der Versenkung geholt hatten, um ihn vor den jungen Leuten vorzuführen. Ach, und dann habe ich mit einem Jungen ein Duett gesungen, der noch nicht einmal den Text auswendig konnte. Es war traurig und einfach nicht meine Welt.

Können Sie sich vorstellen, noch mit 80 oder 90 auf der Bühne zu stehen?

Ich bin ja froh, dass ich es überhaupt so lange ausgehalten habe. Ein zweistündiges Konzert laugt einen ganz ordentlich aus, sowohl körperlich als auch emotional. Und man darf nicht vergessen, dass ich mein Leben ziemlich heftig gelebt habe. Also, ich plane nur bis zur nächsten Tournee, und dann sehen wir weiter.

Eines der neuen Lieder heißt „Younger“. Wären Sie gern wieder ein junger Mann?

Ich bin kein Träumer. Seit ich 50 bin, spüre ich, dass ich allmählich alt werde. Doch da ich die Drogen und den Alkohol ganz gut überlebt habe, bin ich im Kopf dazu bereit, noch 20 oder 30 Jahre zu leben. Ich freue mich darauf, an der Seite von Pat irgendwann mit 90 auf einer Bank vor unserer Ranch zu sitzen.

Sie singen in „Younger“, dass Sie davon träumen, einen Ferrari zu fahren?

Früher in England hatte ich einen Jaguar. Für einen Ferrari war ich damals eindeutig zu breit, das wäre niemals gut gegangen. Tja, und jetzt bin ich zwar nüchtern, aber die Schotterpisten in Colorado lassen einem Ferrari keine Überlebenschance. Ich könnte das schönste Auto der Welt fahren - innerhalb von einer Woche wäre es Schrott. Also bleibe ich beim Jeep.

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