Literatur

Hemdsärmelig: Thielemann übt sich in Witzen

Der Dirigent stellt sein neues Wagner-Buch vor

Was ist denn mit Christian Thielemann los? In Mao-Jacke und mit Silberschal um den Hals wie Johannes Heesters erscheint er auf der Bühne des Renaissance-Theaters. Singt Loblieder auf die Operette (statt auf Wagner). Nennt sich einen „Spätentwickler“. Und hebt hervor, „wie viel Mendelssohn in den ‚Meistersingern’“ steckt. Späte Bekehrung?

Bei der Buch-Vorstellung seiner Neuerscheinung „Mein Leben mit Wagner“ (Verlag C.H. Beck) erlebt man Thielemann halbprivat. Und halbzart. „Wie fühlt man sich denn als Dichter?“ wird er von Interviewerin Elke Heidenreich auf die Schippe genommen. Das Titelbild seines Buches täusche, korrigiert Thielemann: „Ich habe vor allem Wert darauf gelegt, dass man ein Foto wählt, wo ich nicht schon so verschwitzt aussehe.“ Gute Interviewer fallen ins Wort. Mit dieser Technik bringt die 69-jährige Heidenreich das Gespräch hübsch auf Touren. Sie ist trotzdem nett. Thielemanns Wagner-Meinungen sind nicht einmal in ihrer eigenen Buchreihe erschienen; sondern bei der Konkurrenz. Thielemann schwärmt von Cola, Nachos und Tacos und derlei „herrlich gesundheitsschädlichem“ Fastfood. „Musik will er nicht!“, reizt Heidenreich den Maestro. „Es entgleitet jetzt schon!“, so Heidenreich über dessen ungenierten Ton. Verwundert erfährt man, dass Thielemann die „Rebellenphase“ in seinem Leben „übersprungen“ habe.

Hemdsärmelig und berlinisch zitiert Thielemann sogar schmutzige Witze seines Bayreuth-Vorgängers Hans Knappertsbusch. Der habe in Berlin eine Probe an der Deutschen Oper mit den Worten beendet: „Ich wollte nur mal sehen, ob mein Ar*** noch in den Sessel passt.“ Die Stimmung steigt, je tiefer man in Bayreuther Gräben hinabsteigt. Und je mehr der große Mann seinen Anekdotenmotor anwirft. Nach seinem „Tristan“-Debüt in Hamburg 1988 habe er jahrelang schmerzlich auf einen Anruf aus Bayreuth gewartet, beichtet er. „Dabei habe ich gelernt, auf gar nichts mehr zu warten.“ Bis ihm endlich Wolfgang Wagner, bei einem Abendessen in Chicago, die „Meistersinger“ und gleich darauf „Tannhäuser“ anbot. Die Liebe zu Wagner, ach ja...

Heute ist Thielemann der bei weitem meistbeschäftigte Dirigent auf dem grünen Hügel. Die Tolle aus der Stirn streichend, gibt er den Schwadroneur. Dass er lockerer geworden ist, beim Orchester kaum Druck mehr ausübt und folgerichtig auf die schiefe Operettenbahn geraten ist, kommt einer echten Re-Berlinisierung gleich. Selbst seine Ringelpullis kaufte der 53-Jährige bekanntlich nicht in Preußen. Sondern bei „Loden-Frey“ in München. Ein Detail aus der Vergangenheit, das man in Berlin gar nicht gerne hörte. Vorbei!

Christian Thielemann: Mein Leben mit Wagner (Verlag C.H. Beck), 19,95 Euro.