Theater

Wenn die Welt aus den Fugen gerät

Armin Petras wagt sich am Gorki an drei große Themen: Demenz, Depression und Revolution

Während die meisten die Unpässlichkeiten des Neujahrsmorgens eben erst verdaut haben, kann das Maxim Gorki Theater in diesen ersten Jahreswochen gar nicht genug bekommen vom Kater. Der heißt mit Vornamen Fritz und steht mit nicht weniger als fünf Stücken auf dem Januarspielplan.

Komik, Charme und Mut

Das frischeste Stück des Autors, das am Sonnabend Uraufführung feierte, klingt tatsächlich so, als könnte es für gepfefferte Kopfschmerzen sorgen: „Demenz Depression und Revolution“. Inszeniert hat Armin Petras, nicht nur scheidender Hausherr des Gorki Theaters, sondern auch inszenierendes Alter Ego des Autors Fritz Kater. Untertitel: „Studie zu 3 Mythen der Gegenwart“. So ein Mythos dient gemeinhin der allgemeinen Sinnvermittlung, indem er die eigene Realität überschreitet. Armin Petras als knallharter Sinnvermittler? Das wäre neu, nein, auch hier analysiert er nicht, sondern seziert. Und legt eine Gesellschaft frei, die mit den Geistern, die sie zwar nicht rief, aber auch nicht aufhielt, nun ihre liebe Not hat. Alle drei Motive, stilistisch wie inszenatorisch übrigens absolut unverbunden, zeigen den Sand im Getriebe, der unsere Leistungsgesellschaft zum Knirschen bringt: Der Altersdurchschnitt nimmt zu, die Anzahl der Demenzkranken auch. Die Anforderungen an den einzelnen werden immer größer, die Zahl der Menschen mit Depressionen steigt. Ob die Revolution eine gesellschaftliche Dysfunktion ist, drüber mag man streiten, aber auch sie setzt das System vorübergehend außer Kraft.

Wie nun kommt all das auf die Bühne? Zunächst einmal braucht es seine Zeit, nämlich gut dreieinhalb Stunden. Der Auftakt trägt den Titel „Im Schmetterlingsgrund“ und gelingt glänzend. Es ist der mit Abstand stärkste Teil des Abends. Wohl auch, weil das Fragmentarische der Sprache, die lose Szenenführung dem Sujet, das es behandelt, so sehr entspricht. Es geht um Menschen, denen die Realität zunehmend zerbröselt. Die fünf Darsteller spielen mal Angehörige, mal die Dementen selbst. Mit all der Komik, die dazu gehört, wenn einer plötzlich den gelben Briefkasten mit der gelben (Müll)Tonne verwechselt. Mit all der Zärtlichkeit, die zutage tritt, wenn nahe stehende Menschen nur noch als Hülle erscheinen und mit dieser Schmetterlingspoetik, die ihren eigenen Charme hat. Unablässig hört man im Hintergrund das sirrende Flügelflattern, als wäre so ein Tier zwischen zwei Scheiben gefangen, noch nicht ganz draußen, aber auch nicht mehr drinnen.

Für die musikalische Untermalung sorgt in allen drei Teilen Miles Perkin, der im zweiten Teil, der den Titel „Schwarzer Hund“ trägt, auch noch die Rolle des Freundes vom Protagonisten übernimmt. Der ist Hochleistungssportler und unverkennbar dem Nationaltorwart Robert Enke nachempfunden, der sich vor gut drei Jahren das Leben nahm. Für diesen Teil ändert Armin Petras die Ästhetik komplett. Er verlegt sich jetzt in einen eher erzählerischen Duktus, die Bühne (verantwortlich: Annette Riedel) ist dafür auf einen schmalen Streifen an der Rampe verengt, dahinter hängt Raum hoch ein Pergament, in dessen Perforation sich ein Tor abzeichnet. Davor spielen stark und schön Aenne Schwarz und hervorragend verunsichert Michael Klammer Torwart und Gattin, die zulassen müssen, dass der Torwart irgendwann nicht mehr gegen die gegnerische Mannschaft spielt, sondern gegen den „schwarzen Hund“, der ihm im Nacken sitzt und ihn schließlich in die Knie zwingt. Das überzeugt erzählerisch zwar nicht ganz so sehr wie der erste Teil, darstellerisch dafür umso mehr. Was jetzt noch fehlt, ist die Revolution, und es stellt sich heraus, dass es darum gar nicht geht. Eher zufällig vollzieht sich im Hintergrund der Prager Frühling, auf einer Filmleinwand sieht man Bilder der auf den Wenzelsplatz rollenden Panzer, während vorne ein tschechischer Filmemacher namens Pavel in seinen Aufzeichnungen zu seinem aktuellen Film „Gulliver“ blättert. Die sind ihm näher als die Revolution. Darum also geht es: Was ist politische Kunst? Was soll, was kann, was muss sie?

Unser Pavel hat andere Sorgen, eine Tochter, die er zu selten sieht, zu viele Geliebte, die er zu schnell wechselt, eine reiche alte Ausländerin, von der er sich finanziell aushalten lässt. Aus all dem macht Armin Petras eine Total-Groteske, einen Kunst-Klamauk, für den er jedoch starke Bilder findet. Am stärksten vielleicht jenes, für das sich Cristin König, Thomas Lawinky und Svenja Liesau in das gleiche rote Mädchen-Kleid werfen und sich in diesem Drillings-Outfit dann die Pussy-Riot-Mützenmasken über den Kopf ziehen. Das sitzt.

Ansonsten ist dieser Teil reichlich überdreht. Dennoch: Es hätte dieser Abend vielleicht die eine oder andere Kürzung vertragen, es hätte ihm auch eine irgendwie verbindende Regieidee gut getan. Aber er ist auch faszinierend in seinem Mut, diese ganz großen Themen anzugehen, er besticht mit der Vielfalt seiner Mittel und Stile und damit, felsenfest in der Gegenwart verankert zu sein.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2. Wieder am 19. Januar, 19.30 Uhr. Kartentel.: 20 221115