Theater

Kleingeldprinzessin Dota Kehr pfeift auf große Plattenlabels

Im Heimathafen wird sie von ihren Fans umschwärmt

„Ne“, meint Norbert noch vor dem Saal, „früher seien die ja noch viel mehr Öko gewesen. Die wollten, dass ich Tee in meinem Club ausschenke.“ Sein lockiges Gegenüber kann es nicht fassen. „Tee? Im Privatclub?“ Und Norbert sagt, dass er das noch verhindern konnte, aber dass die Fans von denen auch nicht so wirklich was trinken, und, dass sie dadurch halt echt schlecht verdient hätten, und, dass die Miete im Heimathafen ja viel zu hoch sei. Macht nix. Ist ja ausverkauft heute Abend in Neukölln.

Der Heimathafen ist so voller Menschen, dass an der Bar gerade die Eiswürfel für den Moscow Mule ausgegangen sind. Ausgerechnet für den Moscow Mule! Um viertel nach Neun kommt dann endlich Dorothea. Sie fragt sich mit ihrer Gitarre in der Hand „Wohin mit der Ausgeschlafenheit?“ Die Fans, das sind größtenteils Frauen mit sehr kurzen oder so sehr langen Haaren, nennen sie Dota und die finden das total gut, wie sie so alleine ganz reduziert spielt. Und die beginnen sofort zu tanzen, obwohl das Lied eigentlich viel zu langsam zum Tanzen ist. Dota hat auch sehr langes Haar. So ungekämmt wie früher die Mädchen in „Ferien auf Saltkrokan“. Vermutlich ist das ein Zeichen von neuer weiblicher Natürlichkeit. Und dann kommen auch schon ihre Stadtpiraten. Einer, der orgelt, dabei trägt er eine Sonnenbrille, einer spielt noch Gitarre und ein anderer Schlagzeug. Seit zehn Jahren gibt es jetzt schon Dota und die Stadpiraten.

Am 1. Januar 2003 haben sie zum ersten Mal geprobt. Am 15. Januar 2003 hatten sie den ersten Auftritt im Café Bilderbuch in Schöneberg. Dabei kann sich Dota gar nicht mehr erinnern, was sie da gespielt haben. Zwischen den Stücken erzählt sie immer irgendwas, was mit einem Klatschen goutiert wird. Sie hatte ja nur sechs Songs damals. Klatschen. „Ihr kennt doch alle das Bilderbuch, oder?“ Klatschen. Und ein paar Jahre später waren Dota und die Stadtpiraten schon mit dem Goethe Institut nach Russland gereist, um ihre deutschsprachige Gypsy-Pop-Dixieland-Musik auch außerhalb der Republik zu präsentieren. Selber nennen sie es Bossanova-Pop. Irre, die produzieren ihre Alben komplett selber und sind total unabhängig von den großen Plattenlabels.

Inzwischen drinnen sagt der Lockige zu Norbert „Die haben ja ein Angebot von Universal bekommen. Ham se aber abgelehnt. Die wollen ihre Seele nicht verkaufen.“ „Richtig gut“, meint Norbert und trinkt von seinem Bier. Von der schönen Stuck-Decke tropft Schweiß herunter. Dota trägt ein unifarbenes Kleid. Später erfahren wir, dass sie schwanger ist. Dafür wird auch geklatscht.

Zwischen dem niedlichen Trampelmarsch des Schlagzeugs kündigt Dota noch an, auf einem Benefizkonzert für die Flüchtlings-Protest-Bewegung zu spielen. Sie hat eine eher dünne Stimme. Aber für das Flüchtlings-Protest-Konzert applaudieren die jungen Menschen mit Rastahaar und Lederbeuteln am Gürtel besonders engagiert.