Literatur

Ein Stück Musikgeschichte - Fischer-Dieskaus letztes Buch

Fischer-Dieskaus künstlerischer Lebensweg ist in der Musikgeschichte ohne Beispiel.

Er wurde verehrt, gelegentlich, meist wohl aus begreiflicher Notwehr, auch heftig kritisiert, aber in den fast 50 Jahren haben alle Urteile seinen künstlerischen Rang respektiert. Nur am Ende seines Lebens äußerte er auch selber, trotz allen Ruhmes, Kritik am Erreichten.

Zu den besonderen Eigenschaften seiner Arbeit gehörte immer die genaue Kenntnis der künstlerischen wie biografischen Kraftfelder, in denen die jeweiligen Musikwerke entstanden waren. Dietrich Fischer-Dieskau war, über das Musikalische hinaus, ein vielseitig begabter und gebildeter Mann, der als Lehrer wie als Schriftsteller seine Überlegungen und seine Kenntnisse weitergeben wollte. Neben seiner musikalischen Arbeit verfasste er 17 Bücher zu unterschiedlichsten Themen, seien es Monografien über Claude Debussy, Johann Friedrich Reichardt oder über Goethe als Intendant, seien es werkanalytische Arbeiten zu den Vokalkompositionen von Schubert, Schumann und Brahms oder autobiografische Publikationen.

Seine letzte Arbeit galt dem deutschen Klavierlied. Sie sollte sowohl ein zusammenfassender Rückblick werden als auch eine dem Detail sich zuwendende Darstellung seines Lebensthemas. Das Manuskript fand erst auf Umwegen seinen Weg zum Verlag Berlin University Press, der es, vom Autor auf knappe 95 Seiten reduziert, nun publiziert hat – leider zu einem überhöhten Verkaufspreis.

Die 16 Kapitel sind chronologisch angeordnet und behandeln Klavierlieder der Komponisten des 18. Jahrhunderts bis zu Kompositionen Aribert Reimanns, der Fischer-Dieskau auch als Weg- und Klavierbegleiter freundschaftlich besonders nahe stand. Gesamturteile und die Beschäftigung mit einzelnen Aspekten des Liedschaffens halten sich die Waage. Dem Sänger geht es nicht darum, etwa gesangstechnische Fragen zu berühren, wesentliche Impulse für sein Buch geben vielmehr berichtigende Informationen, wohl auch aus Misstrauen in die Bildung seiner heutigen Hörer und Leser.

Fischer-Dieskaus letztes Buch, in dem sich auch eigene Interpretationserfahrungen mit Faktischem verflechten, wird sicherlich gerne von seinen Verehrern gelesen werden, hoffentlich aber auch von Gesangs-Studenten, die daraus lernen und darüber diskutieren sollten.

Leider scheint dem Autor kein kompetenter Lektor zur Seite gestanden zu haben. Überall in den Verlagen wird heute an der falschen Stelle gespart. Ob es fehlerhafte Namensnennungen wie „Josef Trakl“ oder sprachliche Aspekte sind, oder ob es sich um sachliche Irrtümer handelt wie die Bemerkung, Theodor W. Adorno habe „aus Missgunst“ Alban „Bergs mangelnden Sinn für das Lyrische“ getadelt. Tatsächlich hat kein Interpret Bergs die Kraft dieses Komponisten gerade für das Zarte und Lyrische so gerühmt wie sein Schüler Adorno.

Dieses Buch dokumentiert nicht zuletzt das melancholische Bemühen dieses großen Musikers, eine Glut vor dem Verglimmen zu bewahren. Sein Vorwort schließt zweifelnd: „Begeben wir uns also auf ein fast schon wieder leeres Terrain, dem erst wieder zu einer Hörergemeinschaft der mitdenkenden und gefühlsoffenen Art verholfen werden muss. Ob das je gelingen wird?“

Dietrich Fischer-Dieskau: Das deutsche Klavierlied. Berlin University Press, Berlin. 95 S., 19,90 €.