Kleinkunst

Der Mann ohne Witzführerschein

„Ich darf das, ich bin Jude“: Der Komiker Oliver Polak kennt keine Tabus, wenn es um guten Humor geht

Wir sitzen zusammen in der Scheinbar in Schöneberg in der Ecke neben Klo und Backstage. Oliver Polak bringt zwei Bier mit. Über seinem Kugelbauch wölben sich die Hände vom Logo der Chemnitzer Band Kraftklub, die er inzwischen echt gut findet. Es seien zwar nicht Blumfeld oder Tocotronic, aber die Sprache von denen, die bewirke schon etwas mit ihm. Er trägt so eine ganz ausgewaschene, richtig labbrige Jogginghose. Eine Mütze hängt ihm ins Gesicht, und er grummelt noch ein bisschen wegen des Fotografen. Aber vielleicht ist das auch so ein Trick von ihm. Oasis haben zum Beispiel nie auf Fotos gelacht, waren aber echt witzig. Gut wärs , wenn sich das bei ihm genauso verhielte. Er ist ja Komiker.

Vom Internat auf die Bühne

Am Sonntag lädt Polak zu einer „Endlesung“ in die Wühlmäuse nach Charlottenburg. Dazu muss man auf jeden Fall sagen, dass er sagt, dass er Jude sei. Eigentlich ist das blöd, dass man das sagen muss, weil gute Witze immer funktionieren sollten, egal wer sie macht. Sein Programm heißt „Ich darf das, ich bin Jude“. Damit macht sich Polak auch über diese Haltung lustig, Jude sein zu müssen, um über bestimmte Themen Witze machen zu dürfen. „Liebe Lokführergewerkschaft“, setzt er an, „hättet ihr vor siebzig Jahren gestreikt, hättet ihr uns eine Menge Ärger erspart.“ Bamm! Der sitzt. Man muss tatsächlich lachen. Weil der irre komisch ist, der Witz. Und Polak sagt, dass der ja auch witzig sei, wenn der von einem Deutschen käme. Einmal lernte Polak den großen Komiker Dave Atell in Amerika kennen. Und eine Frau meinte, er sei ja Deutscher. Und Atell wiederholte das: „Ja, Polak ist Deutscher.“ Das reichte schon für einen Lacher. Als Atell dann ansetzte „Er ist auch Jude“, kam schon der nächste. Und Atell sagte an Polak gerichtet: „Hör mir mal zu, Oliver, ich nenn’ Dir sechs Millionen Gründe, warum das in Deutschland nicht funktionieren wird.“

Polak fand diese Haltung damals absurd, als er seine ersten Auftritte 2006 in Berlin in der Scheinbar hatte. Es kamen wirklich Leute zu ihm und meinten, er dürfe so etwas ja nur, weil er eben Jude war. Aber das ist Quatsch, sonst bräuchte man ja auch eine Art Witzführerschein. Polak ist dafür, über alles Witze machen zu dürfen – Rassismus, Tiere, Behinderte, Religion, Sodomie, Pädophilie „und das tu’ ich ja auch“.

Oliver Polak wird am 14. Mai 1976 im niedersächsischen Papenburg geboren. Seine Eltern sind Juden, sein Vater hat den Holocaust überlebt. Jüdisch sein heißt für den Komiker, in seiner Kindheit immer stundenlang auf dem Rücksitz des Autos der Eltern zu sitzen. Die Mutter raucht Cartier-Zigaretten bis zum Umfallen. Und er sitzt da hinten drin und hört Udo Jürgens. Die einzige Synagoge war in Osnabrück. Weil seine Mutter aber so langsam fährt, braucht sie drei Mal so lange wie normale Fahrer.

Schließlich macht er sein Abitur auf einem jüdischen Internat in England. Weiß aber auch nicht so recht, was er mit sich anfangen will. Er geht zum Fernsehen nach Köln: Viva, Disney Club auf RTL, was man so macht, wenn man alles und nichts kann. Er lernt eine Frau kennen. Sie ist Berlinerin. Er zieht weg. Weg von den schrecklichen Fernsehproduktionen, hin nach Berlin. Zu der Zeit bekommt er Hodenkrebs, seine Freundin verlässt ihn. In den Staaten kommt er mit amerikanischem Stand-Up in Berührung, das gefällt ihm.

Es kommen immer Leute an dem in der Klo-Backstage-Ecke sitzenden Polak vorbei. „Hi, Oli“. „Willst Du am Sonntag kommen?“, fragt er zurück. „Das ist Enno, von der echt schlechten Band ,Enno Bunger’“, reißt Polak einen Scherz. Er hat mal deutsche Indiebands gemanagt: Slut, Dillon und Enno Bunger. Und jetzt läuft der Enno gerade in den Backstagebereich, weil er heute Abend auch was in der Scheinbar spielen soll. Der Enno lacht, schlägt bei Oli ein, und geht dann an ihm vorbei in den Raum mit dem Spiegel an der Wand.

Und genau da ging Oliver Polak vor knapp sieben Jahren auch rein. Februar 2006. Er meint, es sei ein düsterer Abend gewesen, vielleicht meint er, dass es dann cooler klingt, ging er da rein und stellte sich vor mit: „Hallo, ich bin Oliver Polak aus Papenburg, ich bin Jude, und Sie müssen nur lachen, wenn es Ihnen gefällt.“ Da waren nur er, die Bühne, 24 Sitzplätze auf Stühlen und vier Bankreihen dahinter, und da hat alles angefangen. Vorher hat er mal zehn Freunde zu sich nach Hause eingeladen, so zum Test. Patrice, den schwarzen MTV-Moderator, einen Türken, einen Typen, der Aids hatte und noch ein paar. „Alles Randgruppen!“ Na klar.

Seitdem ist er mit seiner Lesetour „Ich darf das, ich bin Jude“, seiner Show „Jud süß sauer“ und seinen anderen Programmen bestimmt mehr als dreihundert Mal aufgetreten. Da ist an der Zeit etwas Neues zu wagen. Und deswegen kommt jetzt diese „Endlesung“. Am Ende der Show will er sogar sein Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ verbrennen. Für seinen Vater war es ganz schlimm anzuschauen, dass Polak bei einer Show im Admiralspalast den Sänger der Gruppe Tocotronic, Dirk von Lowtzow, auf den Mund küsste. „Er dachte wirklich, ich sei schwul“, erinnert sich der Kraftklub-T-Shirt-Bär, der jetzt schon total viel gelacht hat. Aber das ist ja ein Interview und kein Foto. Da fragt man sich doch, wie findet das eigentlich der Vater, der den Holocaust überlebt hat, wenn der Sohn seine Veranstaltung „Endlesung“ nennt. Aber die Eltern, die wüssten das gar nicht. „So ne’ Bücherverbrennung kommt bei denen bestimmt nicht gut an.“

Gleich wird Polak auftreten. Nicht in den Wühlmäusen wie am Sonntag. Er hat wieder die vierundzwanzig Stühle vor sich und die vier Bankreihen, genauso wie früher, und er wird neue Gags probieren. Das macht er häufiger hier. Sein Name steht dann aber nicht an der Tür. Ab Mai will er kein Jude mehr sein. Er werde dann Christ. „Die Show heißt ,Endlich Christ’ mit Messe, ohne Knabchenchor, aber mit einem Kreuz und viel Weihrauch.“ Amen.

Die Wühlmäuse, Pommernallee 2-4, Charlottenburg. Termin: 6. Januar, 20 Uhr. Kartentelefon: 30673011.