Ausstellung

Ein Staatsmann wie Putin, nur vollständig bekleidet

Ausstellung: Wie sich Dmitri Medwedjew Melonen und andere Dinge ansieht

Von den Werksbesuchen des verstorbenen nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il gibt es zahllose Fotos: Man sieht ihn, wie er durch seine Sonnenbrille auf Käselaibe blickt, auf Safttüten, Schuhsohlen, Fischkonserven, Gurkenkisten, Gummischläuche, Taschentücher, Dachziegel. Berühmt gemacht hat sie das Blog „Kim Jong-il Looking at Things“, längst gibt es Pendants mit allen möglichen Politikern.

Ohne parodistische Absicht, aber mit ganz ähnlicher Ästhetik verfährt eine Fotoausstellung über den ehemaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew. Ihr Titel suggeriert epische Breite: „1461 Tage des Präsidenten Dmitri Medwedew“. Dabei war Medwedjews Zeit als Staatsoberhaupt zwischen 2008 bis 2012 im historischen Vergleich eher kurz. 247 Fotos sollen seine Präsidentschaft dokumentieren. Neben Aufnahmen mit anderen Politikern fallen vor allem die Dinge auf, die sich Medwedjew ansieht: Spaniens König Juan Carlos zeigt ihm Weinflaschen, ein Soldat seinen Gürtel, eine Lebensmittelverkäuferin ihr Sortiment.

Die Ausstellung lief im Sommer bereits in Moskau, wurde von Ministerpräsident Medwedjew persönlich abgenommen und eröffnet. Sie erregte kaum Aufsehen, in den wenigen Rezensionen wird ihr „demonstrativ-pseudopositiver“ Gestus kritisiert, dafür aber eine Bilderchronik mit Fotos der Nachrichtenagentur RIA Nowosti gelobt, die auch die Wirtschaftskrise und Festnahmen Oppositioneller thematisiert. Dass die offiziöse Schau noch nicht einmal Russen interessiert, hat einen einfachen Grund: Sie ist nichtssagend im Vergleich zu der Fülle an Fotos, die Medwedjew selbst regelmäßig ins Internet stellen lässt. Sie zeigt ihn beim Begutachten von Rohren, Computerpanels, Ölsaaten, am Bahnschalter oder im Lebensmittelladen. Den Treffen mit Prominenten gewinnt er meistens eine alltägliche Seite ab: Man sieht ihn mit Angela Merkel vor einer Fußballübertragung, am Kraftgerät mit Arnold Schwarzenegger, beim Tee mit seiner Lieblingsband Deep Purple oder mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der ihm ein T-Shirt mit der Adresse seiner Seite überreicht.

Es kommt selten vor, dass sich ein Medwedjew-Foto mit der virilen Ikonografie seines Amtsvorgängers und -nachfolgers Wladimir Putin überschneidet. Während sich jener immer wieder mit kraftmeiernden Oben-Ohne-Motiven ablichten lässt, behält Medwedjew das Hemd an, meist auch das Sakko. Die Botschaft lautet: Arbeit für Russland, Kontrolle der Modernisierung, sparsamer Umgang mit Symbolen.

Russisches Haus Berlin, bis 13. Januar