Operette

Kálmán war der große Knaller

Berlin und Dresden verneigen sich vor dem Operettenkomponisten

Glückliches Dresden! Dort hat man nicht nur eine Semperoper, die auch optisch was hermacht, sondern auch eine tapfer in unglamouröser Bleibe um den echten Dreivierteltaktfrohsinn ringende Staatsoperette. Die konnte diesmal der Oper sogar bei einem Divenproblem aushelfen. In Dresden scheint man die Superformel für die klassische Jahresendzeit gefunden zu haben: aufpolierte Operette de luxe, mit einem immer mehr sich vom Ballsirenen-Jux inspirieren lassenden, Feuer und Frivolitäten fangenden Dirigierspiritus rector namens Christian Thielemann am Pult der Staatskapelle; auch multimedial auf CD und DVD verbreitet.

Nach zweimal Franz Lehár, gab es diesmal ein klanglich wie geschmacklich buntes Emmerich-Kálmán-Potpourri, das ganz bewusst jenseits von „Csardasfürstin“- und „Gräfin Maritza“-Ohrwürmern auch Unbekannteres einschloss, die erstaunliche stilistische Entwicklung dieses (wieder-)zuentdeckenden Komponisten vorführte.

Aus Wiener Walzerseligkeit als Auslaufmodell häutete der sich hin zu amerikanischen Modetänzen. Von der nostalgisch sedierten Erinnerung wandte er sich dem zupackenden Zeitgeist zu, der heute auch schon wieder ein historischer ist – doppelt retro sozusagen. Dazu immer ungarisch überstäubt mit allerfeinstem Paprikapuder. Der Saal war begeistert, die Fernsehzuschauer auch, und die Einschaltquoten steigen weiter.

Am meisten strahlte dort freilich die trotz ihre 75 Jahre mühelos jeden Blondinenwettbewerb gewinnen könnende Komponistentochter Yvonne Kálmán. Und das nicht nur wegen der noch bis 2023 fließenden Tantiemen. Denn während in Dresden Papas „Rosen aus Dschaipur“ selbst instrumental glutvoll erblühten, erklangen sie kurz vorher auch vokal und integral an der Komischen Oper Berlin, wo Neuintendant Barrie Kosky mit der „Bajadere“ von 1921 eine die nicht immer gute Meinung über die Gattung revidieren wollende Operettenreihe startete. Bei der auch Kálmán im Mittelpunkt stehen soll.

Obwohl man vorsichtig semikonzertant begann, Stefan Soltesz dirigentisch an besserer Artikulation und mehr Shimmy-Pep hätte arbeiten können – bei dieser von Dominique Horwitz segelohrig und mit liebevoll falschem Fronkroisch-Akzent angeführten Mischung aus Indien-Talmi, USA-Trendtänzen und Pariser-Tingeltangel, Demimonde, zweideutiger Partnertausch-Erotik und unwiderstehlichem Melodienparfüm ging das ausverkaufte Haus mit, als würden noch die Stimmen von Richard Tauber und Fritzi Massary durch ihr altes Theater säuseln.