Bühne

Publikum johlt dem Stadtmeister im Poetry Slam zu

In der Volksbühne stellen sich neun Kandidaten vor

„Wenn ihr Jacinta Nandi mit dem Text ,Was am allerallerallerscheißigsten daran ist, eine Frau zu sein‘ gleich im Finale wiedersehen möchtet dann gebt jetzt alles!“, brüllt Moderator Wolf Hogekamp ins Mikrofon und das Publikum tut wie ihm befohlen – Applaus ist gar kein Ausdruck, mit Johlen und Fußgetrampel wird die Volksbühne zum Beben gebracht. Eine lyrische Lesung sieht anders aus. Ist auch anders, das hier ist Poetry Slam. Da steckt zwar poetry (also Dichtkunst) drin, aber eben auch slam, was den eigentlichen Charakter der Veranstaltung erahnen lässt: Wettstreit. „Competition“, wie der heute außer Konkurrenz vortragende Vorjahressieger Julian Heun in gekünstelt schlechtem Denglisch in seinem Text ironisierend betont: „Wer kämpft, kann verlieren, aber wer competion macht, der macht competion“ – womit er auch ohne Sinnzusammenhang ein angemessenes Motto für diesen Abend liefert.

Ein Wettstreit der Dichter also: erlaubt ist, was gefällt - und zwar dem Publikum, denn dieses allein entscheidet hier in einem K.O.-System. Und so folgt Zungenbrecher auf Rap-Passage oder auf Gesangseinlage, gereimt oder nicht, plus ein bunter Strauß an zügelloser Mimik und Gestik, denn wesentlich ist hier nicht lediglich das Ablesen eines Textes, sondern die Gesamtperformance des Künstlers. Hier wird kein erlesener Kreis Literaturbegeisterter gesucht, sondern massentaugliches Entertainment produziert - auch wenn den Slammern, wie die Poeten dieser Szene genannt werden, eine andere Definiton vielleicht lieber wäre.

Es gewinnt, wer schockiert

Denn obwohl sich hier und da in den Texten der Teilnehmer Kritik an gängigen Unterhaltungsformaten im Allgemeinen oder – wie in Carsten Lampes Pamphlet gegen „Bauer sucht Frau“ – ganz im Konkreten bemerkbar macht, sind doch gewisse Ähnlichkeiten wiederzufinden. Denn beim Buhlen der Slammer um die Publikumsgunst scheint den Abend über kein Griff in die Trickkiste zu tief: Urin, Menstruation, Trinkexzesse, Sexunfälle. Das Ganze umflort von jeder Menge Erbrochenem und Genitalhumor bis zum Abwinken. Das überwiegend junge Publikum ist schließlich einiges gewöhnt und will dennoch schockiert werden, da muss auch mal die Mutter eines Slammers für einen hinkenden Vergleich mit Adolf Hitler herhalten oder der Finalist Tommy Tefus sich selbst als den „Quotenneger“ bezeichnen.

Klar, der Abend heute ist nicht mit den familärer anmutenden Abenden der teilnehmenden Slams zu vergleichen, findet auch Volker Ströbing, der in der entscheidenden Finalrunde letztlich den Sieg einfährt und sich fortan Stadtmeister nennen darf. Denn das hier ist der Slam der Slams wenn man so will, denn heute treten die Favoriten der jeweiligen Lokalslams, die so klangvolle Namen wie BastardSlam, Slam oder King Kong Slam tragen, gegeneinander an, um den Besten der Stadt zu küren, dem wiederum die Ehre zuteil wird, Berlin bei der deutschen Meisterschaft zu vertreten.

Ach ja, und eine Tasse gibt es für den Sieger – mit Elvis-Presley-Motiv, „und damit ihr euch die schönsaufen könnt, geben wir noch ne Flasche Whiskey obendrauf!“, ergänzt Wolf Hogekamp. „Bei den lokalen Slams haben auch ernstere Texte eine realistische Chance“, beteuert ein Teilnehmer, der es mit seinem nachdenklichen Beitrag über den Selbstmord einer Freundin heute keine Runde weitergeschafft hat.