Richard Wagner

Das rätselhafte Genie

Die Musikwelt feiert 2013 Richard Wagners 200. Geburtstag. Sieben Berliner Künstler erklären uns den Mythos des Komponisten

Der Opernwelt steht ein gigantisches Jubiläumsjahr bevor: Es werden die 200. Geburtstage der Komponisten Giuseppe Verdi und Richard Wagner gefeiert. „Verdi und Wagner – eine einmalige Gelegenheit. Eine Saison wie diese kommt erst in 100 Jahren wieder“, schreibt die Mailänder Scala auf ihrer Webseite. In Deutschland steht natürlich der ebenso bewunderte wie umstrittene Wagner im Fokus. Wir haben sieben Berliner Kulturprominente nach „Größe und Grenzen“ des deutschen Komponisten gefragt.

Klaus Staeck, politischer Plakatkünstler, Präsident der Akademie der Künste in Berlin: Richard Wagner polarisiert bis heute. Das muss man ihm nicht zum Vorwurf machen. Die anhaltende Beschäftigung mit Person und Werk bedarf gar nicht erst des anstehenden Jubiläums, um dem ohnehin ständig Gefeierten 2013 weiter ausufernd zu huldigen. Schon im Vorgriff auf das Jubeljahr hat die Berliner Akademie der Künste in einer großen Ausstellung 22 Positionen künstlerischer Annäherung versammelt.

Für mich bleibt der Revolutionär von 1848/49, der zugleich Autor einer perfiden Schrift wie „Das Judenthum in der Musik“ ist, rätselhaft. Nun brauchten die Nazis wahrlich keinen Wagner als Ahnherren für ihre Exzesse, aber sie konnten das Verführerische an seiner Musik geschickt für sich nutzen: die Sehnsüchte vieler Deutscher nach dem Aufgehen im Rausch der Masse. Dass Nachfahren diesem Missbrauch im Haus Wahnfried Vorschub leisteten, steht auf einem anderen Blatt.

Es ist diese seltsame Gemeinde, die sich jedes Jahr im spießig-elitären Gehabe zur Eröffnung der Saison in Bayreuth versammelt, um einem Kult zu huldigen, der mir äußerst fremd ist. Es besteht die Gefahr, dass wir im Wahljahr 2013 in Wagner-Klängen ertrinken und darüber vergessen, dass Giuseppe Verdi ebenfalls vor 200 Jahren geboren wurde.

Jürgen Flimm, Regisseur und Intendant der Staatsoper Unter den Linden Als kürzlich (wieder einmal und wie so oft schon) an der Mailänder Scala ein großer Glaubenskrieg drohte und die Fronten in langen Schlachtreihen hochgerüstet auf ihren schnaubenden Rössern tänzelten, mit blanker Brünne und hochgereckten Säbeln, stiegen heisere, brausende Schlachtrufe in die Lombardischen Wolken, solche wie „Viva Verdi, viva il Maestro!“ oder „Viva Riccardo! Viva il Sassone!“ (Es lebe Richard! Es lebe der Sachse!) Wer aber trug den Sieg nach Hause, Richard oder Josef? Die Leitung der Scala habe sich erkühnt, die neue Saison mit „Lohengrin“ vom berühmtesten Barett-Träger der Welt zu eröffnen! Alles im Verdi-Jahr, gibt’s das? Jawohl, als der mächtige rote Vorhang sich in den Theaterhimmel hob, gab es keinen Troubadour, Rigoletto, Otello, Carlo, Millerin, Falstaff … nein, der junge Mann mit dem Schwan kam angeschwommen, um Elsa, das Fräulein aus Brabant zu freien; der Lohengrin. Auch aus dem fernen Mezzogiorno grummelte es; der Verdi-Papst, der grandiose R. M. hatte gegrollt, wie könne man nur, Wagner vor Verdi zu setzen? (Was der richtige Papst dachte, kann man sich denken: Schließlich stammte er aus zweiten Ludwigs Bayernland, wo sich in Bayreuth der Hügel befindet.)

Aber dann; die Stimme der Primadonna von Brabant wurde krank und dann auch die Ersatzelsa, und alles stand auf Spitz und Knopf und Kippe. Eine weitere Primaelsa schwebte bald mit einem Kranich in die Lombardei und spielte ganz wunderbar mit dem Schwanenprinzen und sang den Wagner in alle Himmelshöhen und eccolà, welch ein Riesenerfolg für den Tonsetzer aus Sachsen, für Dirigent, für Regisseur und alle anderen. War vielleicht Elsa Eins einer Intrige schwarzgelockter Verdi-Jünger zum Opfer gefallen? Aber so geschah es oft: Stets auf Sieg gesetzt, erstaunlich dieser Wagner, der Brankrotteur, Revoluzzer, Frauenheld und Fürstenknecht, Mythenbastler. Nah am Abgrund krimineller Machenschaften stolperte er sich wie sein Wotan immer weiter bis zum Ende, im lieblichen Venedig Blumenmädchen säumten seinen Katafalk. Er setzte sich immer durch, allen Anwürfen zum Trotz. Der kleine Held bürgerlicher schwerer Träume feierte böse Zwerge und tumbe Riesen gleichermaßen, verbrannte und ersäufte seine Welt.

Lies einsame Kinder umbringen, pries heiliges Federvieh und allerlei Requisitenkram, glänzende Becher, harte Schwerter, zeptergleiche Speere, Tarnmützen, Weltringe. Bittere Liebe lodert auf Traumschiffen mit viel Harfengeklimper, alles so durcheinander und so wirr, und doch so klug und fein und voller Gefühl, dass sich auch der Barbar mit den Knobelbechern vom Seelenklang anrühren lässt. Woody Allen, der Stadtneurotiker und Klarinettist spottete bös: Höre er Wagner, überkäme ihn eine unbändige Lust, schnurstracks in Polen einzumarschieren. Heil! Seltsam, der Einmarsch täte dem Woody nicht gelingen, hörte er Verdi, schon gar nicht beim liebenswerten, klugen Mozart. Da mag man wohl ein Menuetterl hören und ein Tänzchen wagen!

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin: Als ein Meister der Leitmotivik und der Orchestrierung kann ich über Richard Wagner und sein Erbe nur mit Bewunderung und Ehrfurcht sprechen. Er hat die Oper revolutioniert, doch nicht nur das: Sein Ingenium strahlte weit über die Musik hinaus, auf Literatur, Philosophie und die Bildenden Künste. Dieser immense Einfluss auf alle Bereiche des Geisteslebens hebt ihn vielleicht am deutlichsten von seinen Zeitgenossen ab. Dem Gravitationsfeld Wagners sahen sich alle ausgesetzt. So fühlten sich nicht zuletzt große Komponisten wie Debussy und Tschaikowsky gezwungen, sich entschieden von ihm abzugrenzen – was Debussy poetisch mit „der alte Giftmischer“ umschrieb. Wie als Komponist, so hinterließ Richard Wagner auch als Theoretiker deutliche Spuren – auch für meinen Beruf, das Dirigieren. Das finde ich vor allem vor dem Hintergrund besonders spannend, als sich Wagner leidenschaftlich für die Interpretation von Musik aussprach und nicht für ein mechanisches Reproduzieren von Noten. Für seine Zeit war diese Sicht revolutionär.

Ich bin überzeugt davon, dass das Jahr 2013 eine großartige Feier für Richard Wagner werden wird, nicht allein in Deutschland, sondern um die ganze Welt!

Helmut Oehring, Berliner Komponist, seine Oper „SehnSuchtMEER oder Vom Fliegenden Holländer“ wird im März in Düsseldorf uraufgeführt: Wagner setzt die Schattenklänge Bachs, den Grufthall Mozarts, die Wüstenechos Beethovens später Quartette und den Eishauch in Schuberts Quintettnebel unerbittlich fort und erzählt von Entwurzelungen und Vereinsamung des Einzelnen in einer komplexen, komplizierten Welt. Einer brutal, unerbittlich zersplitternden Erde.

Die DNA seiner musikalischen Entwürfe sind Langzeitfotografien der Echos unserer Innenwelten. Von Landschaften voller Stärke und Angst. Wagner ist ein Profiler und Höhlenforscher, der die Innenwände unserer Seelen nach rituellen Zeichen und Inschriften absucht. Wie die Nadel in den Rillen einer Schallplatte. Und dieses ungetüme Schweigen, das unmittelbar nach seinen Klängen herrscht. Gesungene Stille. Röntgenbildklänge der Ränder und Schatten unseres Lebens und Sterbens. Hieroglyphen einer Sehnsucht nach Liebe und Tod. Die Angst der Kinder vor der Dunkelheit. Wir alle geben diese Klänge von uns auf der Flucht vor der Dämmerung. Ohne diese Klänge dieses ständig zwischen Schaffensrausch, Größenwahn, Hochstapelei, Sexbesessenheit, Schlemmerei, Schnorrerei und Revolution hin und her Geworfenen wären Pink Floyd, Webern, Bowie, Schönberg, Zappa, Nono, Depeche Mode, Varèse, Hendrix, Zimmermann, Iggy Pop and The Stooges nicht denkbar.

Wagner ist artifiziell und archaisch. Symbol, Synonym und Parabel für das tragische Theater Deutschlands, Europas und der Welt. Fernab und jenseits vom pseudomodernen deutschen Krümelkuchen hat er ein Oeuvre geschaffen, das seinesgleichen sucht. Und unter den zehn Opern glimmen die fünf Rohdiamanten der Wesendoncklieder hervor.

Ist Wagner gefährlich? Ist Bayreuth gefährlich? Sind wir gefährdet? Ja.

Die Welt steht am Abgrund. Der Autodidakt Wagner komponierte darüber. Komponierte die Augenblicke vor der Erstarrung. Die Ränder des Verstummens aller und von allem. Das, was bleiben würde hinter Wort und Musik, ist Zeichen, Gebärde. Unser Glück ist aufgebraucht. Wir leben auf Pump in der Nachhallzeit der gestorbenen Klänge Wagners. Und wir sind dabei zu versagen.

Wilfried Strehle, Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker: Es war für mich ein musikalisches Erdbeben im Orchestergraben Anfang der 70er Jahre zu Ostern in Salzburg mit Herbert von Karajan – das „Tristan"-Vorspiel oder der Trauermarsch der „Götterdämmerung“. Ganz groß!

Da ich Gesang von Kindesbeinen an zu lieben lernte, ist es aber auch der einzigartige Klang der Wagner-Stimmen, die mich so intensiv berühren – und verführen. Wagner ist anziehend, weil mutig und maßlos: Gefühl und Klang im Überfluss – in unserer reglementierten Welt, die mich einengt, eine Hoffnung auf Freiheit und Menschlichkeit, Abgründe inklusive. Die Grenzen erfahre ich mit dem Menschen Wagner: Seine Egomanie, sein Sozialneid (u.a. auf Mendelssohn), sein Rassismus, sein Umgang mit Frauen und Freunden befremden mich. Aber sind alle genialen Musiker auch gute Menschen?

Siegfried Matthus, Komponist und Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg: Richard Wagner hat die Komponisten seiner Zeit und darüber hinaus in einer ungewöhnlichen Art und Weise stark beeinflusst. Er ließ auch niemanden gelten, der sich nicht seinen ästhetischen Vorstellungen unterordnete. Heute ist das Werk Wagners ein Gipfelpunkt deutscher und internationaler Opernkultur. Die Herausforderungen an die Sänger – oftmals bis an die Grenze des Möglichen getrieben – und der Sound seines Orchesterklanges lassen sein Werk nach wie vor für heutige Menschen ein sehnsuchtsvolles Erlebnis werden. Für mich ist Richard Wagner ein großartiger Theaterkomponist, dessen textliche und musikalische Dramaturgie im Rausch der äußerlichen Gesangs- und Orchesterfluten oft nicht bemerkt und gewürdigt werden.

Der schwer zu beschreibende Vorgang und das große Geheimnis beim Komponieren von Opern ist: wie schreibt man eine Musik, die Theater provoziert. Natürlich kann man das bei gründlichen Analysen der Opern von Mozart, Weber, Strauss, Berg und anderen annähernd erkennen und erfahren. Jedoch keiner dieser Meister hat sich verbal dazu geäußert. Anders bei Richard Wagner. In seinen Opern finden wir viele (vielleicht zu viele) Regieanweisungen. Aber nun kommt das Interessante: er hat sie alle musiktheatralisch deutbar komponiert. Genau genommen haben wir in diesen Szenen verbale Äußerungen eines Komponisten zu seiner theatralisch konzipierten Musik.

Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper: Am stärksten fasziniert mich an Wagners Werken, dass sie eine gesellschaftliche Dimension besitzen, ohne darüber die Perspektive des einzelnen Individuums aus dem Blick zu verlieren. Bei Siegmund und Sieglinde, Tristan und Isolde spricht uns das persönliche Leid dieser Figuren heute immer noch so eindringlich an wie die Menschen vor 150 Jahren. Aber anders als viele große Komponisten, denen eine solche Vergegenwärtigung der Gefühle gelingt, bleibt Wagner nicht dabei stehen, sondern entwickelt aus diesem Leid eine gewaltige Dynamik. Werke wie der „Ring“ und „Parsifal“ vermitteln keine Resignation, sondern die Möglichkeit, dass wir etwas ändern können, wenn es uns gelingt, unsere Schwächen zu überwinden. Und weil diese Aufforderung zeitlos ist, lassen sich die Kernaussagen seiner Werke auch immer wieder auf die Gegenwart übertragen, ja, dieser Prozess ist sogar nötig, wenn man ihrem Geist treu bleiben will. In diesem Sinne ist Wagner für mich der große Humanist und Revolutionär unter den Komponisten.