Kunst

Ein Paar im Leben und in der Kunst

Das Künstlerduo Awst & Walther ist international erfolgreich. Ein Atelierbesuch im Wedding

Das Loch hat John Bock in die meterdicke Mauer gebohrt. Als Kunstobjekt gehört es jetzt zum Inventar des ehemaligen Luftschutzbunkers an der Reinhardtstraße, in dem Christian Boros seine Privatsammlung präsentiert. Schaut man hindurch, grüßen die Baumkronen. Hält man sein Ohr an die Öffnung, rauscht der Wind. Dreht man sich dann um, erschrickt man, sich direkt in der Schusslinie befunden zu haben. Denn an der gegenüberliegenden Wand ist ein Pfeil eingeschlagen.

„Dieser Pfeil repräsentiert Kunst und Skulptur. Deshalb haben wir keinen Robin-Hood-Pfeil genommen und auch keinen Sportpfeil“, sagt Manon Awst, die das Werk mit ihrem Partner Benjamin Walther geschaffen hat. „Er dringt durch dieses Loch in einen Bunker ein, der gebaut wurde, um Menschen zu schützen, aber hier sozusagen seine Abwehr eingebüßt hat. Bomben konnten dem Bunker nichts anhaben, aber Kunst vermag die Mauern zu durchbrechen.“ Die Bronzeskulptur heißt „The Line of Fire“, weil die Betrachter direkt in die Räumlichkeit des Werks einbezogen werden, sobald sie die Distanz aufgeben, es aus sicherer Entfernung anzuschauen. „Bronze formuliert außerdem den Ewigkeitsanspruch in der Bildhauerei“, erklärt Benjamin Walther. „Dieser Pfeil wird immer existent sein – wie auch die Verletzlichkeit, die er mit sich bringt.“

Flucht ins Theater

Awst & Walther sind seit 2006 als Duo zusammen, in der Kunst wie im Leben. Ihre Arbeiten gehören zu den interessantesten Positionen junger Kunst in Berlin, dabei sah ihre Karriereplanung zunächst anders aus. „Ich wuchs in einer Art DDR-Künstler-Boheme auf, die ich verlassen wollte, um bloß nicht in Dresden Malerei zu studieren. Den perfekten Ausweg bot mir das Theater.“ Aber der Betrieb mit Stationen in Düsseldorf, München und Bochum bot Walther nicht die Möglichkeiten, die er sich erträumt hatte: „Warum muss ich aus einem 300 Jahre alten Klassiker noch etwas Heutiges melken, um es dann rauf und runter zu inszenieren? Das Theater kreiert nur Momente, die im nächsten Augenblick wieder vergangen sind. In der bildenden Kunst ist das anders. Da wirken die Bilder viel stärker.“

Von Bildern fühlte sich auch Manon Awst früh angezogen, aber auch abgestoßen: „Ich wuchs auf der kleinen Insel Anglesey in Nordwales auf. Ziemlich idyllisch, weit weg von allem, aber mit einer Menge Arbeitslosigkeit und Drogenproblemen. Wenn man dort groß wird, hat man immer vor Augen, wie das Leben mal aussieht, wenn man erwachsen ist. Ich wollte aber in einem sozialen und räumlichen Umfeld arbeiten, in dem ich andere Bilder generieren kann.“ Awst hat Wales mit seinen Town Houses und Cottages dann verlassen, um in Cambridge Architektur zu studieren. „Es war eine seltsame Flucht in die moderne Technologie von Wolkenkratzern und Großstädten, und ich habe schnell festgestellt, wie verwurzelt ich mit meiner heimatlichen Umgebung bin. Also kehre ich immer wieder zurück, um den Gegensatz zu spüren.“

Rohre, Latten und Holzplatten

Dass Awst & Walther aus verschiedenen Arbeitsbereichen kommen, machte es zunächst schwerer, in der Kunstwelt Fuß zu fassen, sagen die beiden in ihrem Atelier im Wedding, das auch der Besprechungsraum eines Installateurs sein könnte. An die Wände sind Entwurfsskizzen gepinnt, in der Ecke Werkzeuge aufgehängt, überall stehen Rohre, Latten, Holzplatten. „Vielleicht macht es uns aber gerade deshalb so offen, weil wir interdisziplinär arbeiten und immer hinterfragen, was Kunst überhaupt ist“, machen sie klar. Zudem habe man ja nicht „von Banker auf Künstler umgeschult. Wir sind beide in einem künstlerischen Fach ausgebildet.“

Ihre architektonische Herangehensweise offenbart sich auf den ersten Blick, die Sensibilität im Detail. Metallrohre, deren Reste an der Atelierwand lehnen, durchmessen im Bunker sechs Räume. Mal niedrig über dem Boden, dann wieder schräg auf Brusthöhe. Die Besucher müssen sie übersteigen oder unter ihnen hindurchklettern. Der Handwerker, der die Löcher für die Installation „Latent Measures“ bohrte, nahm an, dass hier wohl eine Heizung eingebaut würde. Dass es sich um Kunst handelte, hat ihn dann etwas enttäuscht. „Jeder ist aufgefordert, irgendwie auf die Arbeit zu reagieren.“, erklärt Awst. In die Skulpturen sei eine körperliche Qualität eingeschrieben, die passive Betrachter zu aktiv Handelnden mache. „Uns interessiert das Verhältnis von Körper und Raum. Deshalb gibt es meistens einen performativen Anfangspunkt“, sagt Walther und meint nicht nur die raumfüllenden Installationen.

Für die Serie „Biometric Paintings“ haben sie vielfach überlagernde Fingerabdrücke auf Papier hinterlassen. Die Gemälde sind Resultat einer Performance, beschwören aber auch den Kontext, mit dem ein Fingerabdruck heute konnotiert ist. Manche der Arbeiten von Awst & Walther werden selbst zu Vollstreckern ihrer eigenen Performance. Etwa Installationen aus Eis, die praktisch verschwinden, und Skulpturen aus Gelatine oder Obst, die mit der Zeit verschrumpeln oder sich selbst auflösen.

Mit solchen Fragen von Permanenz, Vollzug und Flüchtigkeit knüpfen sie an die Praxis der Architektin und des Dramaturgen an, überführen diese Begriffe aber in die bildende Kunst. „Der Vergänglichkeit kann man sich ja nicht entziehen,“ sagt Walther. Weil aber die Zeit nur an Dingen messbar wird, die überdauern, werden sie trotzdem immer zu einem Material zurückkehren, das in der Kunst genau dafür steht: Bronze.