Interview mit Thomas Hauschild

„Vielleicht kann er uns retten“

Morgen kommt der Weihnachtsmann. Aber wer ist das eigentlich? Ein Gespräch mit dem Berliner Ethnologen Thomas Hauschild

Sein Büro in Charlottenburg liegt im Erdgeschoss. Dem Gast bietet Thomas Hauschild den Polsterstuhl am Schreibtisch an, „das einzige Erbstück meiner Mutter“. Auf dem Tisch stehen ein paar Weihnachtsmänner aus Schokolade, außerdem ein chinesischer Glücksgott aus Porzellan, der ihnen verdächtig ähnlich sieht. Wir befinden uns hier im Reich eines Ethnologen. Thomas Hauschild hat den Weihnachtsmann erforscht. Von ihm stammt das Buch „Der Weihnachtsmann - Die wahre Geschichte“. Andreas Rosenfelder hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Das Klischee verlangt, dass sich Ethnologen in ihren Gegenstand hineinversetzen, als Eingeborene unter Eingeborenen leben. Wie geht das beim Weihnachtsmann, den es ja gar nicht gibt?

Thomas Hauschild:

Manchmal habe ich schon das Gefühl, ich habe die Maske auf und mich kitzelt der Kunstfaserbart. Vor langer Zeit habe ich einmal Weihnachtsmann gespielt, in einem Kinderheim, in alten Bundeswehrstiefeln.

Was haben Sie gelernt?

Die Stiefel dürfen auf keinen Fall wie Straßenschuhe aussehen. Kleine Menschen gucken auf die Füße, die erkennen Erwachsene an den Schuhen. Das machen wir nicht als Erwachsene, außer wir sind Italiener. Die Glaubwürdigkeit hängt an der Kappe und an den Stiefeln.

Welche Rolle spielt die Kappe?

Die ist das Erkennungsmerkmal. Die Schuhe sind der Schwachpunkt, die Kappe ist eindeutig. Und das ist auch das Merkmal, das um die Welt wandert, das bei Betriebsfesten in China und anderswo getragen wird.

Dass der Weihnachtsmann ins Haus kommt, das gab es doch nur in einem untergegangenen Großbürgertum.

Ich habe auch gedacht, das gibt’s nicht mehr. Ich war dann überrascht, dass überall diese großen Dienste sind, die in der Weihnachtszeit Tausende von Terminen machen. Das geht durch alle Schichten. Letztlich braucht man ein bisschen Geld dafür, aber die dreißig Euro haben dann doch eine Menge Leute.

Aber der Weihnachtsmann ist ein Fremder. Der dringt in die Familien ein, stört sogar ein wenig, irgendein verkleideter Student.

Der bringt alles durcheinander. Er entzieht den Eltern die Verantwortung für die Geschenke, zieht die Liebe der Kinder auf sich. Das ist der Sinn vieler Rituale, dass sie erst einmal auflockern und am Ende finden sich alle in neuen Rollen wieder. Vorher gibt’s aufgeregte Leute, die alle Schenker sind. Hinterher gibt es Beschenkte und keinen Schenker.

Generationen von Ethnologen sind nach Papua-Neuguinea gefahren, um Schenkrituale zu erforschen. Warum haben die das Weihnachtsfest übersehen?

Diese Beobachtung verschärft sich noch, wenn man bedenkt, dass die Lebensumstände vor hundert Jahren, als die Ethnologie in Gang kam, in Afrika und Europa nicht so verschieden waren. Die sanitären Verhältnisse etwa, das war nicht so ein himmelweiter Unterschied. Es war aber leichter, in Afrika das ganz Andere zu vermuten, weil die Entfernungen so riesig waren. Jetzt kommen wir darauf, dass das Eigene eine ziemliche Exotik enthält.

Der Konsens unter aufgeklärten Menschen ist, dass der Weihnachtsmann nicht existiert. Trotzdem tut man so.

Das ist postmoderne Religion. Man will religiös sein. Ob man es wirklich ist, ist eine andere Frage.

Man will, dass es Weihnachten ist, dass die Kerzen leuchten.

Dann ist es auch einfach da. Und in dem Augenblick gibt’s auch einfach den Weihnachtsmann.

Der Weihnachtsmann sieht so aus, wie man sich Gott vorstellt: alter Mann, weißer Bart.

Ja. Das ist eine Figur, die bei den Mongolen der Alte Gott heißt. Von dem hat der Weihnachtsmann deutliche Züge. Der Weihnachtsmann hat ein eigenartiges Gesicht, weil die Stirn viel zu hoch ist. Auch das Knubbelige und die dicken Backen: Das ist eigentlich ein Kind, das aber ganz alt ist und total fröhlich. Vielleicht ist der Weihnachtsmann der Vorbote des Gottes, von dem Heidegger sprach, als er sagte: Vielleicht kann nur noch ein Gott uns retten.

Über Götter darf man nicht lachen. Der Weihnachtsmann ist eine Witzfigur.

Er kann auch strafen und unangenehm werden. Der hat genug Tiefe, obwohl die Schokoladenindustrie das fast kaputt gemacht hätte. Die meisten wissen gar nicht mehr, dass der Weihnachtsmann schlägt. Diese Figur hat das Ende der schwarzen Pädagogik überlebt, aber gleichzeitig kommt sie mir vor wie eine Reserve davon. Wenn es wieder ein bisschen enger wird in der Welt und die Heizungen runtergedreht werden müssen, wer weiß, wie dann wieder die Rute ins Spiel kommt.

Religion ist ein wichtiger Schauplatz für globale Konflikte geworden. Seltsamerweise lässt man den Weihnachtsmann in Ruhe.

Es hat immer wieder Versuche gegeben, ihn hinzurichten. 1952 haben französische Bischöfe in Dijon eine Weihnachtsmannverbrennung angeordnet, weil sie das satthatten, dass diese Figur mit ihrem Konsumismus so vordringt. Und letztes Jahr hat es einen Mord gegeben in Tadschikistan, wo ein junger Mann unterwegs war zu Verwandten, um Weihnachtsmann zu spielen. Von Islamisten aufgedrehte Jugendliche haben den erstochen auf offener Straße. Aber in den größten Teilen der Welt ist das eine unangreifbare Figur. Dem flickt man nicht am Zeug.

Sie behaupten, der Weihnachtsmann in seiner typischen Gestalt komme aus China. Eine Kränkung für den Westen: Erst wandert die Wirtschaftskraft nach China ab und jetzt auch noch der Weihnachtsmann.

Es ist grauenhaft, aber es ist einfach so. Die Ähnlichkeit mit dem chinesischen Gott des langen Lebens, Shou Xing, ist zu offensichtlich. Shou Xing ist diese Figur mit haushohem Kopf, langen weißen Haaren, knorrigem Stab und roter Robe. In deutschen Chinarestaurants steht er oft im Schaufenster.

Wir dachten immer, Coca-Cola hätte den Weihnachtsmann erfunden.

Es gibt chinesische Nationalisten, die das auszubeuten versuchen. Ein Wissenschaftler behauptet, zusammen mit dem Rezept für einen bitteren Kräuterauszug sei auch die Idee von Shou Xing in den Westen gekommen. Das hätte zur Herausbildung von Coca-Cola und der berühmten Santa-Claus-Reklame geführt. Die Idee ist vollkommen irre.

Aber der westliche Weihnachtsmann ist tatsächlich eine Kopie?

Es ist ganz deutlich, dass die asiatische Ausprägung älter ist als das Christentum. Wie bei anderen Erfindungen, Schießpulver etwa, geht die Drift von Ost nach West, weil da früher Staatenbildung stattfand. Wer was kopiert hat, ist egal.

Ist der Weihnachtsmann ein Unternehmer? Immerhin verteilt er Waren.

Es gibt einen chinesischen Witz: Was haben Shou Xing und Santa Claus gemeinsam? Sie sind Mitarbeiter derselben Firma. Denn sie betreiben Express-Service mit Just-in-Time-Lieferung, und ihre Kunden sind ausschließlich Kinder.

Was lehrt uns die Geschichte des Weihnachtsmanns?

Das ist schon ein Gott der Dauer, der eine Hoffnung formuliert: Wollen wir doch mal versuchen, alles so hinzukriegen, dass es weitergeht, auch über unseren Lebenslauf hinaus. Man investiert und kriegt vielleicht gar nichts zurück. Man kann nur hoffen. Man verbirgt sogar etwas, wo die Investition herkommt. Da liegt die optimistische Botschaft, aber nicht sehr eindeutig. Und es sind auch keine politischen Lehren daraus ableitbar.

Als Ethnologe erforschen Sie Schenkrituale. Hilft das nicht beim Auswählen von Weihnachtsgeschenken?

Nein, ich kriege es auch nicht besser hin. Es geht immer ums Schenken, nicht um die Sache selbst. Deswegen werden Geschenke ja verpackt, damit sie einander gleich sind. Aber mit der Sache, die sich dann entblättert, verrät man etwas von sich. Es hat immer mit einem Risiko zu tun. Ich habe heute das Geschenk für meine achtjährige Tochter eingepackt und bin beherrscht von dem Gedanken: Wird ihr das jetzt gefallen? Dieses Risiko einzugehen, dafür steht der Alte.