Kino

In einem Ozean voller Fragen

Oscar-Preisträger Ang Lee verrät, was er Berlin zu verdanken hat und warum „Life of Pi “ seine bislang größte Herausforderung war

Das Buch galt, mal wieder, als unverfilmbar. Sitzt darin doch ein Junge ganz allein auf dem weiten Ozean mit einem wilden Tiger im Boot. Ang Lee hat sich dennoch daran gemacht. Der Erfolgsregisseur („Sinn und Sinnlichkeit“, „Brokeback Mountain“ hat daraus ein knallbuntes Märchen gemacht und dabei sein eigenes Spektrum mit 3D und digitalen Effekten erweitert. „Life of Pi“ feierte Premiere in Berlin und kommt am 2. Weihnachtsfeiertag in unsere Kinos. Peter Zander hat mit dem taiwanesischen, in den USA lebenden Oscar-Preisträger gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Sie haben „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ hier in Berlin vorgestellt. Was bedeutet das für Sie? Sie wurden hier ja für das Weltkino entdeckt.

Berlin ist tatsächlich die Stadt, die mich auf die Karte gebracht hat. Ich habe hier meinen allerersten Film vorgestellt, 1992. Das war „Tui Shu“, der sonst nie außerhalb Taiwans gezeigt wurde. Er lief damals im Forum, da haben ihn nicht viele gesehen. Es war entsetzlich kalt, es schneit immer in Berlin. Aber es war mein erstes Festival, und ich war überwältigt.

Ihr nächster Film „Das Hochzeitsbankett“ lief hier dann schon im Wettbewerb – und gewann den Goldenen Bären.

Und ich hatte solchen Schiss. Ich hatte in Amerika einen Film gedreht, der nur für ein taiwanesisches Publikum gedacht war. Ich hatte keine Ahnung, ob das sonst irgendjemand auf der Welt verstehen würde. Und dann dieser Erfolg. Das hat mein Leben verändert.

Sie sind dann aber nur noch einmal zur Berlinale gekommen, mit „Sinn und Sinnlichkeit“. Danach nie wieder. Wieso?

Ganz ehrlich? Ich fühlte mich nicht ganz behaglich.

Aber dafür gab’s doch gleich noch mal einen Goldenen Bären.

Stimmt. Ich sollte dankbarer sein. Ich sollte einmal zur Berlinale zurückkehren.

Es gibt Regeln im Filmbusiness, die besagen: Drehe nie mit Kindern. Und: Drehe nie mit Tieren. Sie haben beides gemacht...

... und auch noch auf engstem Raum. Es ist wirklich schwierig, so etwas an den Mann zu bringen. Besondern, wenn Tom Hanks nicht mitspielt. Aber genau das hat mich herausgefordert.

Sie haben auch noch in 3D gedreht. Obwohl der Stoff nicht gerade nach solchen Effekten schreit.

100 Jahre lang war Kino immer eine flache Leinwand. Das war für mich unheimlich spannend: Wie verändert 3D unsere Wahrnehmung? Nehmen wir Filme jetzt anders wahr? Wir sind erst am Anfang, diese Sprache zu lernen. Aber Lernen bedeutet ja, neue Fragen zu stellen. Die Antworten sind gar nicht so wichtig. Eigentlich war ich ein wenig wie dieser Junge: Ich trieb ganz allein in einem Ozean voller Fragen. Und musste sehen, dass ich nicht untergehe.

Der Tiger entstand komplett im Computer. Ihr armer Hauptdarsteller hatte gar nichts auf dem Boot, was er anspielen konnte.

Ich versuchte, so weit wie möglich reale Elemente zu benutzen, bevor ich die Computeranimation eingesetzt habe. Aber wir konnten den Jungen natürlich nicht mit einem echten Tiger ins Boot setzen.

Wim Wenders hat nach „Pina“ gesagt, er könne jetzt nur noch in 3D filmen. Sagen Sie das jetzt auch?

Ich denke schon. Nach diesem Film fühle ich mich weit sicherer mit dieser Technik. Aber die Sprache ist noch immer neu für mich. Ich weiß jetzt zwar, wie ich das machen muss, aber ich habe noch keine Ahnung, wie das Publikum darauf reagieren wird. Das wird wohl noch eine Zeit lang brauchen. Und bislang ist das Vertrauen in diese Technik noch nicht sehr ausgeprägt.

„Schiffbruch mit Tiger“ handelt von spirituellen Themen. Ist es nicht ironisch, dass wir uns jetzt nur über technische Aspekte unterhalten?

Aber die Technik stellt doch unsere Wahrnehmung auf eine neue Probe. Und es ist ja ein Film über das Erzählen und die Illusion. Meine Lebenserfahrung sagt mir: Die Realität, das macht eigentlich keinen Sinn. Am Ende ist doch alles Chaos. Wir versuchen, allem Sinn zu geben. Wir drehen Filme, erzählen Geschichte, gehen in die Kirche. Wir wiegen uns in der Illusion, alles mache Sinn, wir sind nicht allein, nicht verloren, nicht verrückt. Genau davon handelt „Pi“: Von der anderen Seite der Realität. Wir wissen nie, ob uns da nicht ein Bär aufgebunden wird.

Ihr Kollege Quentin Tarantino lehnt digitale Aufnahmen wie Projektionen leidenschaftlich ab. Wie stehen Sie dazu?

Macht Tarantino nicht nur Filme über Filme? Vielleicht hat er auch einfach einen Fetisch, was Film angeht. Aber ob das nun Zelluloid ist oder nicht: Wir gehen noch immer auf spirituelle Reisen und identifizieren uns mit den Figuren. Das hat sich also nicht verändert.

In dieser Frage scheint es eine Kluft zwischen Filmemachern zu geben.

Das ist wie beim Fotografieren. Da gibt es auch viele, die digitale Fotos ablehnen. Ich verstehe die Trauer über das Verschwinden von Film. Ich teile sie. Seit meinen ersten Filmen liebte ich es, Zelluloid zu berühren, den Filmstreifen in Händen zu halten. Das kommt nicht mehr so häufig vor. Aber was tun? Sollen wir jetzt aufhören, Geschichten zu erzählen? Ich kann nichts anderes. Ich muss weiter Filme drehen. Also habe ich keine andere Wahl, als die neue Filmsprache zu erkunden.