Konzertkritik

Stille Nacht mit Schottenrock

Revival der besonderen Art – Die Kelly Family geht endlich wieder auf Tour

Unter dem Schunkeln und Beifall Weihnachtsmannbemützter fortgeschrittenen Alters singt dieser Paddy Kelly „Hosianna“. Dabei ist ja gar nicht Palmsonntag. Sein Schottenrock weht um die strammen Schenkel. Er singt heute Abend in keiner Kirche und die Veranstaltung ist kein Gottesdienst. Kurz vor Weihnachten geht die Kelly Family, oder das, was davon übrig geblieben ist, nochmal auf eine Reise, die sie „Stille-Nacht-Tour“ nennt. An diesem Abend machen sie halt in der Max-Schmeling-Halle.

Es ist unglaublich. Gefühlt gibt es die Kelly Family ja gar nicht mehr. Es scheint so, als würde sie nur noch in ihre Einzelteile zerlegt auftreten. Da wäre Joey Kelly, den wir bei Lanz, der Wok-WM oder irgendwas mit Sport ab und an im Fernsehen sehen. Kathy Kelly versuchte es beim Supertalent und war sogar in dieser Sendung „Die Alm“. Was der Rest in der Zeit wohl gemacht hat?

Paddy soll ja in einem Kloster gewesen sein. Ach, Maite war bei Let’s Dance. Aber die ist heute Abend nicht dabei. Patricia singt und tanzt noch. Ganz rechts steht Paul Kelly, der eigentlich Imker ist. Aber seit ein paar Jahren die Drehleier bedient. Seit 2005 aber hat die Familie keine Platte mehr gemacht. Und wer sieben Jahre nicht veröffentlicht, wird eigentlich vergessen. Aber vor der Halle steht der Tourbus. Polizisten sichern die Zufahrtswege. Ein Sicherheitsmitarbeiter weiß Genaueres. „Normalerweise geben die Kellys nach der Show Autogramme am Bus. Heute ist aber nur Adlon. Deswegen die Grünen. Muss weiter, immer im Dienst, wa.“

Drinnen wird gerade Joeys Geburtstag gefeiert. Es fliegt ein rotes Herz, auf dem „40“ geschrieben steht, auf die Bühne. Die Haare sind kurz geworden. Geschenkkörbe wandern aus den ersten Reihen nach vorne. T-Shirts fliegen. „Ich bin ein Berliner“, ruft der Jubilar seinen Fans entgegen, der Beifall wird bedrohlich. Tatsächlich wurde Joey aber in Spanien geboren. Paddy warnt nun eindringlich vor dem Konsum von Red-Army-Wodka. Joey soll bis sechs Uhr morgens getrunken habe. Danach dürfen die Kinder von Patricia Kelly, welche die wundervollen Namen Alexander und Ignatius tragen, für ein russisches Volkslied auf die Bühne. Irgendwann kommt Jesus und erzählt davon, dass Licht ward. Das ist ein Mann, der so aussieht wie Jesus, und als Erzähler der Weihnachtsgeschichte fungiert, aber zwischen den Songs auch von der Schöpfungsgeschichte redet. Die Kellys spielen einen seltsamen Mix aus irischen Folksongs und christlichen Liedern. Einmal meint Paddy: „Der Tod ist nicht endgültig. Für uns Christen gibt es die Wiederauferstehung.“ Solche Ansagen kommen gut an beim Publikum. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass sich einige einfach nicht damit abfinden wollen, dass bald alles vorbei ist. Schließlich soll die Welt ja Punkt Null Uhr untergehen.

Paddy spricht aber von der Mutter, die vor 30 Jahren an Krebs starb. Deswegen sing er jetzt „Mama“. Wie er das tut, so ganz allein mit der Gitarre, erinnern wir uns alle daran, wie erfolgreich und berühmt die Kellys damals waren.

Ein Durchsage leitet die Pause ein. T-Shirts und CDs können am Verkaufsstand erworben werden. Die Frau im Kurzhaarschnitt rennt etwas zu schnell zu den Kostbarkeiten. Gleich zwei Mal stolpert sie, rappelt sich wieder auf, hält schließlich ihre heiß ersehnte CD in den Händen. Sie singt als erstes „Why Why Why“ mit, als es nach der Pause weitergeht. Das mit dem Weltuntergang war wohl doch nichts.