Suhrkamp Verlag

Immer volles Risiko

Hans Barlach, Gesellschafter bei Suhrkamp, ist im Kulturbetrieb nahezu unbekannt. Was treibt ihn?

So viel steht fest: Der 10. Dezember 2012 war ein Tag, der in die deutsche Literaturgeschichte eingehen könnte. Denn an diesem Tag urteilte das Berliner Landgericht, dass Ulla Unseld-Berkéwicz, die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld, nicht länger Geschäftsführerin des Suhrkamp Verlags sein darf. Suhrkamp ist nicht irgendein Verlagshaus. Hier stehen Geistesgrößen wie Jürgen Habermas, Peter Handke oder Hans Magnus Enzensberger unter Vertrag. Wenn man sich den deutschen Literaturbetrieb als Supermarkt vorstellt, ist Suhrkamp die Delikatessabteilung.

Um den Betriebsfrieden in diesem Tempel literarischer Hochkultur steht es nicht zum Besten. Seine Gesellschafter sind zerstritten: Da ist Unseld-Berkéwicz, der Gegner vorwerfen, den Verlag seit dem Tod ihres Mannes im Oktober 2002 rücksichtslos nach Gutsfrauenart zu führen – ein „böses Märchen“, wie ihr Freund Peter Handke meint. Sie hält 61 Prozent der Anteile und will sich niemandem beugen. Auch nicht dem Landgericht Berlin. Gegen dessen Urteil wird sie Berufung einlegen, weshalb es nicht rechtskräftig ist. Und da ist Hans Barlach, der in einer Villa in Winterhude lebt. Sein Großvater war der Bildhauer Ernst Barlach. Ihm gehören die übrigen 39 Prozent von Suhrkamp. Er hat den Prozess gegen die Witwe angestrengt und gilt als knallharter Kaufmann mit Hang zum Risiko. Auch er hat Gegner wie eben Handke, der meint, er sei „ein von Grund auf Böser, ein Abgrundböser“.

Spät in Kenntnis gesetzt

2006 stieg Barlach mit dem Investmentbanker Claus Grossner bei Suhrkamp ein. Das war schon ziemlich riskant. Ein Schweizer Unternehmer verkaufte dem Duo seinen Suhrkamp-Anteil. Die Verlagschefin bezweifelte die Rechtmäßigkeit des Deals und zerrte die Neugesellschafter vor Gericht. Doch Barlach hielt durch. Als Grossner 2010 starb, machte er alleine weiter. Aber gegen Unseld-Berkéwicz hatte er bis zum Berliner Prozess nichts in der Hand.

Dies änderte sich, als er erfuhr, dass 2010 die Witwe 552 Quadratmeter ihrer Villa in Berlin für 6600 Euro im Monat an den Verlag vermietet hatte. Auch Einrichtungsgegenstände „Möbelstücke, Küchen“, wie Barlach sagt, soll sie Suhrkamp auf die Rechnung gesetzt haben. Barlach soll von all dem erst anderthalb Jahre später in Kenntnis gesetzt worden sein. Er sah in dem Vorgang eine Veruntreuung von Verlagsgeldern und beantragte in der Gesellschafterversammlung die Absetzung der Witwe. Dieser Position hat sich das Landgericht Berlin mit seinem Urteil nun angeschlossen. Und so könnte auch diesmal Barlachs Mut zum Risiko belohnt werden.

Eigentlich wurde er das bisher fast immer. Als er beispielsweise 1999 zusammen mit dem Verlagshauserben Frank Otto die damals defizitäre „Hamburger Morgenpost (Mopo)“ kaufte, hätte das auch daneben gehen können. Doch die beiden machten das Blatt profitabel. 2003 aber wollte Otto 33 Prozent seines 66-Prozent-Anteils an Christian Heinrich, den Verleger der „Kieler Nachrichten“, verkaufen. Wieder ging Barlach ins Risiko: Er machte von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb die Anteile für 1,7 Millionen Euro. Das Geld musste er sich von der Verlagsgruppe Bauer leihen. 2004 übernahm er auch die restlichen Anteile Ottos. Am Ende zahlte sich seine Risikofreude aus: 2006 kaufte ihm die Mecom Group des britischen Finanzinvestors David Montgomery für geschätzte 24 Millionen Euro die „Mopo“ ab.

Riskant war auch ein anderer Deal, der zur Folge hatte, dass Barlach nun bei manchen Hamburger Mediengrößen persona non grata ist: 2004 wollte Gruner + Jahr die Programmzeitschrift „TV Today“ für 15 Millionen Euro verkaufen. Barlach zeigte Interesse. „Er erzählte uns, ein Schweizer Investor habe ihm das Geld vorgestreckt“ erinnert sich ein hochrangiger G+J-Manager, der in das Geschäft involviert war. „Er sicherte uns zudem zu, dass er kein Strohmann eines Großverlages sei.“

Er sei auch kein Strohmann gewesen, sagt Barlach. Bekommen hatte er das Geld aber nicht von einem Schweizer Investor, sondern vom Münchner Zeitschriftenhaus Burda. Das sei kein Widerspruch: Er habe nie von einem „Schweizer Investor“ gesprochen, sondern von einer „Schweizer Finanzierung“, da das Darlehen über Basel abgewickelt worden sei. Burda übernahm 2005 „TV Today“.

Bei Bauer ist man übrigens auch nicht sonderlich gut auf Barlach zu sprechen. Dort hält ihn ein Top-Manager für einen „skrupellosen Zocker“: Bevor Barlach bei Burda das Geld für den Kauf von „TV Today“ eingesammelt hatte, war er in derselben Angelegenheit bei dem Verlag in der Burchardstraße vorstellig geworden. Weil Bauer aber bereits Marktführer im Programmzeitschriftenmarkt war, hatte der Verlag aus kartellrechtlichen Gründen Bedenken, über Barlach „TV Today“ zu erwerben. Nach Darstellung des Top-Managers ging der Galerist dennoch aufs Ganze: Ohne eine Einigung mit seinem Haus erzielt zu haben, habe Barlach „TV Today“ Gruner + Jahr abgekauft. Vor vollendete Tatsachen gestellt, habe sich Bauer zurückgezogen. Barlach, der sagt, es habe sehr wohl eine bindende Zusage Bauers für ein Darlehen gegeben, benötigte einen neuen Geldgeber und geriet so an Burda.

Eine Frage des Preises

Die Sache hatte noch ein Nachspiel: Barlach stellte den Schuldendienst für das Bauer-Darlehen ein, dass er 2003 aufgenommen hatte, um den 33-Prozent-Anteils an der „Mopo“ zu übernehmen. Er begründete dies damit, dass der von Burda gewährte Kredit für den „TV Today“-Kauf für ihn weitaus ungünstiger gewesen sei als die angeblich bindende Darlehenszusage Bauers. Deshalb verlangte er von dem Verlag nun mehr als sieben Millionen Euro Schadensersatz, die er mit dem „Mopo“-Kredit verrechnen wollte. Bauer ließ sich darauf jedoch nicht ein und verklagte Barlach. Das Landgericht Hamburg gab dem Verlag Recht.

Dennoch ist für Barlach bisher noch immer alles gut gegangen. Auch damals, als er als 17-Jähriger aus dem Internat in St. Peter-Ording ausbüxte und statt Abitur eine Lehre als Chemielaborant machte. Später arbeitete er als Galerist und Kunstkaufmann, bevor er in der Medienbranche Fuß fasste.

Auch die Sache mit Suhrkamp dürfte für Barlach ein gutes Ende nehmen. Die Frage ist, zu welchem Preis? In Frankfurt ist ein weiterer Prozess der Gesellschafter anhängig, in dem sie den jeweils anderen aus dem Verlag drängen wollen. Barlach hat gar einen Antrag auf Auflösung Suhrkamps gestellt. Der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann wollte die Parteien wieder zusammenzubringen. Barlach hat gestern abgelehnt. Er hält ihn wegen „einseitiger Krawallstellungnahmen“, gemeint ist ein Naumann-Stück in „Cicero“ sowie ein Radio-Interview, „als Mediator“ für „ungeeignet.

Unklar ist nach wie vor, welche Vision er von Suhrkamp hat. Die „FAZ“ versuchte das kürzlich herauszufinden. Doch der einzige sachdienliche Satz, den sie von Barlach zu hören bekam, lautete: „Wenn ich jetzt ausschiede, dann müsste ich Schmerzensgeld beantragen.“