Theater

Jeder Satz ein Aufschrei, jede Szene ein Gleichnis

„Draußen vor der Tür“ am Hans-Otto-Theater

Wolfgang Borchert hat sich geirrt. Für ihn war „Draußen vor der Tür“ ein Stück, „das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“. Den ungeheuren Siegeszug des Werks hat er nicht mehr miterlebt. Er starb einen Tag vor der Uraufführung im November 1947 an den Folgen einer Lebererkrankung, die er sich als Soldat an der Front zugezogen hatte.

Heute ist das Stück Schulstoff – eines der bekanntesten Werke der „Trümmerliteratur“. Im Theater wurde es eine Zeit lang seltener gespielt, doch jetzt steigen die Aufführungszahlen wieder an. Seit Deutschland beschlossen hat, seine Sicherheit „auch am Hindukusch“ zu verteidigen und Soldaten in internationale Kampfeinsätze schickt, sind die Probleme von Kriegsheimkehrern wieder ein Thema. Und trotzdem ist das Stück kein Selbstläufer. Borchert hat die eigentlich griffige Handlung – Unteroffizier Beckmann kehrt heim, findet seine Frau mit einem anderen in Bett, irrt heimatlos umher und wird von Kriegserinnerungen verfolgt – in eine sehr expressive Sprache gekleidet. Jeder Satz ist ein Aufschrei, jede Szene ein Gleichnis – das kann heute sehr leicht pathetisch wirken.

In Potsdam gelingt dem Regisseur Peter Zimmermann das Kunststück, die Fremdheit des Textes zu bewahren, und trotzdem eine Atmosphäre herzustellen, in der man das Leiden der Hauptfigur geradezu physisch spürt. Die Akteure sind Schauspielstudenten der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen und werfen sich mit ungeheurer Energie in ihre Rollen.

Beckmann wird nacheinander von fünf Darstellern gespielt – ein verstaubter Soldatenmantel und seine Gasmaskenbrille sind äußere Erkennungszeichen. Die Haltung der Figur vermittelt sich durch das Spiel. Obwohl die Akteure wechseln, werden Beckmanns Verzweiflung und Ratlosigkeit spürbar, sein Ringen mit der eigenen Schuld. Er hat im Krieg einen Befehl gegeben, der zum Tod von elf Soldaten führte. Nun besucht er seinen Vorgesetzten und fordert ihn auf, die Verantwortung für das Kommando zurückzunehmen. In Potsdam ist der Oberst ein Yuppie im rosa Rüschenhemd. Er weist den humpelnden, staubigen Beckmann einfach ab. Und auch der Kabarettdirektor – in Potsdam eine Frau im weißen Anzug mit coolem Managergehabe – hat für den Kriegsheimkehrer wenig Verständnis. Die Szenen sind kurz, aber aktuell. Peter Zimmermann, der zugleich Schauspielprofessor an der Babelsberger Film- und Fernsehhochschule ist, ist in Potsdam eine packende Inszenierung gelungen.

Hans-Otto-Theater/Reithalle, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten: 0331-98118, Termine: 20.12.; 8., 12. und 13.1.