Theater

Mephisto macht Männerstrip

„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“: Eine perfekte Revue im Renaissance-Theater

Zwei Weiber, drei Kerle, fünf Fräcke, Zylinder, Mikros, schwarz glitzernder Bühnenhimmel, blutroter Teppich und ab geht die Post. Drin sind Liebesbriefe, Hassdepeschen, Wutausbrüche, Wunschzettel, Wahnerzählungen, Sexreports und Ferkeleien. Immer aber mit Musik und Gesang; mal brünstig, mal traurig, innig, züchtig oder geil, solo oder tutti. Nein, die Renaissance-Theater-Veranstaltung „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ ist kein bloß hübscher Liederabend mit Ansage, Trallala, Ansage. Sie ist etwas völlig anderes: Nämlich eine wie verrückt rasende, dann wieder bebend innehaltende und wieder losrockende Show über das einfach schwierige Leben als Frau, als Mann, als dazwischen und zusammen.

Vier toll tönende Schauspielstars (Anika Mauer, Andreas Biber, Roberto Guerra, Guntbert Warns) und ein toll schauspielender Gesangsstar (Helen Schneider) liefern eine von Torsten Fischer so fantasievoll wie perfekt inszenierte Revue aus lauter Daseinsbildchen (musikalische Leitung: Harry Ermer), die Leute wie Goethe, Shakespeare, Hollaender, Kreisler, Lindenberg oder Elvis punktgenau dem Leben abgelauscht haben. Alles Evergreens, Superhits. Alles Genialitäten der unterschiedlichsten Art aus Wort und Ton; kleine witzige, schmutzige bis hin zu todernsten, aberwitzigen, ganz großen.

Fischer und sein Dramaturg Herbert Schäfer (Script) haben daraus eben kein Nummernprogramm gebastelt, sondern ein raffiniertes Gewebe komponiert, das die herrlich artistischen, sexy kostümierten Solisten bauschen, knüllen, wickeln, werfen – als Drama, Kabarett, Zirkus, Klamotte, als Song, Liedlein, Oper oder Rockerei. Die Epochen, die Orte und Stile gehen – thematisch passgenau – frappant ineinander über; aber immer fein stylish: Goethe knallt auf Brecht auf Hollaender auf Presley auf Kreisler. Tiffany‘s New York kommt zu Mauer-Berlin, Ufa-Tonfilm-Deutschland zu Wirtschaftswunder-Germany. Und stets geht’s um Küsse und Bisse, Hölle, Himmel, Seligkeit und Sauerei. Mackie Messer grüßt Faust, der nimmt sich nicht in acht vor blonden Frau’n. Aber Mephisto als Männerstripper mag den kleinen Popo vom süßen DDR-Vopo. So etwa. Quer- und queerbeet. Denn wer weiß schon genau, zu wem er wohl alles gehört.

Wir freilich wissen: Ein derart perfekt großstädtisches und welthaltiges Entertainment als tolles Theater im Brettl-Format, das erlebten wir lange nicht. Wow! Überrumpelung. Faszination nebst Ulk ohne Reue. Zum Finale kocht der Saal. Stehende Ovationen. Nichts wie hin! Aber fix. Denn die Revue läuft nur noch bis Jahresende.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Termine: bis 31. Dezember; Karten: 312 42 02