Kunstsache

Wintermäntel und Kohle im Kunst-Kiez

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Das Kamerateam vor der smarten Ladengalerie lockt Emma, meine Freundin, an. Toll, sagt sie, meint alle diese Objekte im Fenster, inklusive der künstlerisch gestapelten Holzköpfe. Das sieht wirklich pittoresk aus. Nun ist es Emma total peinlich, die Teile nämlich sind schlicht die im barocken Styling aufwendig inszenierten Hutkreationen der Fiona Bennett, die in der Postdamer Straße ihren Showroom führt. Doch auf ihre Art sind sie Kunst, mit so einer Kopfbedeckung kann man getrost in Künstlerkreise eintauchen. Und Emma und ich machen es jetzt wie die anderen, und ziehen an der Postdamer Straße von einer in die nächste Galerie. Derzeit gibt es im florierenden Kunst-Kiez ein Aufgebot der Klassiker. Arndt zeigt eine kleine, tatsächlich museumsreife Retrospektive des Zero-Künstlers Heinz Mack, die wollten wir nicht verpassen.

Ein idealer, ja spektakulärer Ausstellungsort ist das ausgediente Druckereigebäude des „Tagesspiegels“ mit den freiliegenden Rohren wie den Fensterdurchblicken, alles so geblieben. Wie eine Patina der Vergangenheit. Und Jannis Kounellis ist ein Künstler, der sich mit seinen Inszenierungen schon immer den vorgefundenen Architekturen angepasst hat. Egal ob in Kirchen, Kreuzgängen oder Industrieruinen. Er passt also nach Berlin, ist außerdem kein Unbekannter hier. Die Neue Nationalgalerie verwandelte er vor einigen Jahren in ein imposantes Labyrinth der Moderne. Anderthalb Wochen werkelte er jetzt zusammen mit seinem Assistenten an seinen gigantischen Installationen, die sich in der Preisklasse von 125.000 bis 300.000 Euro bewegen.

Die geradezu sakralen Maße der Halle – 40 Meter lang, 17 Meter hoch – , die der Grieche und Wahlrömer, bespielt, wollen beherrscht sein. Sonst kann das wie ein dummer Floh im Schwimmbad wirken. Kounellis liebt es rabenschwarz, geradezu mystisch. An der einen Wand bei Blain/Southern hängen schwere Stahl-„Leinwände“, darauf spannt sich derb vernähtes Fleesematerial. Brutal, ja martialisch sieht das aus, so, als wolle Kounellis das Ende der Bildes ausrufen. An der gegenüberliegenden Seite sehen wir ordentlich gereiht ebenfalls schwarze, dennoch echte Leinwände verschiedenster Größe. Anspielung auf Abmessungen historischer Werke von Picasso, Courbet und Van Gogh. Seltsam gerahmt von Stahlträgern, die an der Empore an dicken Stahlseilen befestigt sind. An ihrem unteren Ende baumeln dicke Fleischermesser an fetten Fleischerhaken.

Im Zentrum des Ausstellungsraumes stehen gefüllte Kohlesäcke, seltsam „umkreist“ von schwarzen und blauen Wintermänteln, die am Boden liegen. Seit Jahrzehnten schon verwendet der Arte-Povera-Künstler diese „armen“, reduzierten, schweren Materialien. Sage einer, dass das heute nicht mehr funktioniert. Emma ist ziemlich verblüfft, wie sinnlich Stahl tatsächlich sein kann. (Potsdamer Str. 77-87. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 26. Januar)

Die Straße runter gehts weiter zu Klosterfelde und Lisa Oppenheim, die in New York lebt. Ihre Fotoarbeiten sind Hybriden, trickreich und nicht ganz einfach zu entziffern. Was wie ein dunkler Wolkenwirbel aussieht, sind in Wirklichkeit solarisierte Rauchwolken, lässt Emma sich erklären. Die Aufnahmen entstanden während eines Großbrands bei den turbulenten Aufständen in London im vergangenen Jahr – andere zeigen eine Schuttwolke nach Bombardierung des von den Nazis besetzten Frankreichs. Die 1975 geborene Künstlerin fand die unterschiedlichen historischen Motive in Archiven, scannte sie, – und belichtete diese Abzüge mit Feuer. Das Licht ist also von heute, meint Emma.

Bei Oppenheim geht es da um ganz viele Themen, um Gegenwart, Vergangenheit, Manipulation, Dokumentation. Eine ungewöhnliche, clevere Reflexion über das Medium Fotografie im Zeitalter des Digitalen. (Potsdamer Str. 93. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 21. Dez.)