Maxim Gorki

Verzweifelte Suche nach Lebendigkeit

Schaubühnen-Premiere: Bei Alvis Hermani sind Gorkis „Sommergäste” erfolgreich, aber heruntergekommen

Der Lack ist ab. Er springt in Fetzen vom Boden und den Möbeln, Efeu rankt die Mauern hoch. Wo der Stuck abplatzte, haben Schwalben ihr Nest gebaut und durch die grünspanigen Fenster dringt nur mürbes Licht, eine Etage höher verwittert ein Wintergarten. Es hat schon bessere Zeiten gegeben für dieses Haus. Für seine Bewohner auch. Sie sind wie die porösen Wände dieses heruntergekommenen Gemäuers, solide im Kern, gestandene Anwälte, Ärzte oder Dichter, aber kein bisschen Leben bleibt an ihnen haften. Wer je einen solchen Altbau anbohrte weiß, je mehr man sich bemüht, desto größer ist der Schaden. Und es bleibt nichts außer Staub und einem viel zu großen Loch.

Ob es überhaupt möglich ist, dieses Loch zu stopfen oder zumindest vorübergehend zu verspachteln, darum dreht sich alles in Maxim Gorkis Stück „Sommergäste“, das der lettische Regisseur Alvis Hermanis für die Schaubühne inszenierte. Der Extrem-Realist unter den aktuellen Theatermachern bleibt seiner historischen Detailbesessenheit treu. So hat seine Bühnen- und Kostümbildnerin Kristīne Jurjāne sich von den Überresten der Fabergè-Villa bei St. Petersburg inspirieren lassen, das ist jene Juwelier-Familie mit den berühmten Edelstein-Eiern. Auch sonst ist viel Historisches zu sehen, eine alte Badewanne zum Beispiel, in der der Hausherr Bassow (Ingo Hülsmann) sich erst betrinkt und später noch ein Lagerfeuer veranstalten wird, ein heruntergekommenes Sofa, von dem sich Bassows Gattin Warwara (Ursina Lardi) den ganzen Abend nur selten erhebt. Viel aufgerissene Kleidung, verstaubte Spitze und angeschmuddeltes Mieder ist zu sehen und immer wieder blitzen bei Männern wie Frauen diese altmodischen Strumpfbefestigungshalterungen unter Hosen und Röcken. Die verrutschen ständig, weil alle permanent miteinander rangeln, aneinander rumpeln, übereinander herfallen.

Alvis Hermanis hat sich entschieden, diese Versammlung der gelangweilten russischen Intelligenzija im Umbruch vom 19. ins 20. Jahrhundert nicht nur um ein knappes Dutzend Personen zu erleichtern, sondern auch dazu, ihrem Sehnen keine wie auch immer geartete politische Dimension zu geben, statt dessen verlagert sich hier alles ins Private. Sie erkunden, ertasten, berühren einander, grob oder zärtlich, manchmal eingequetscht zwischen anderen, auf jeden Fall in der steten Hoffnung, dass, wenn man sich selbst schon so tot fühlt, da doch wenigstens beim anderen noch etwas Leben abzugreifen sein müsste.

Wie etwa Warwara, die den Dichter Schalimow (Thomas Bading) ein Leben lang verehrte, um dann in einer hinreißenden Szene, bei der sie sich dem ungerührt Schwadronierenden hemmungslos offeriert, festzustellen, dass er auch nur eine schale Figur ist. So geht es allen, Judith Engel stattet ihre Ärztin Marja Lwowna mit spröder Beherrschung aus und wo sich in Gestalt von Warwaras Bruder Wlas (Sebastian Schwarz) ein wenig Liebe bietet, greift sich doch nicht zu, ganz im Gegensatz zu Julia Fillipowna (Luise Wolfram), die ihren Gatten Piotr (Urs Jucker) nach Strich und Faden betrügt. Ruhe bringt Ernst Stötzner als steinreicher Onkel in die Szenerie, der hat zwar einen Einkaufswagen voll Geld, muss aber heftig heulen als er beim Baden seinen Hut verliert.

Dreieinhalb Stunden lang sind wir Zeugen, wie diese innerlich Abgestorbenen, diese emotional Obdachlosen, von denen zumindest eine am Ende noch ihre Habseligkeiten in einen Einkaufstrolley packt und ins Leben hinaus stapft, in ihrer Existenz nach Bedeutungsbrocken kramen. Und dabei nicht fündig werden. Anders als der Golden Retriever, der den ganzen Abend zwischen den herumliegenden Büchern und Papieren schnüffelt und dabei zumindest ab und an ein Leckerli entdeckt. Ab und an findet auch der Zuschauer eins, aber diese dreieinhalb Stunden, die werden dann doch lang. Einige Figuren gewinnen durchaus Kontur, doch Slapstick-Nummern wie die von Niels Bormann als verschmähter Liebhaber verträgt das Stück nicht und die wenigen schönen Einzelszenen tragen nicht über den ganzen Abend.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153. Tel. 890023 Heute um 19,30 Uhr