Kabarettist

Ein Welterklärer, über den gelacht werden darf

Der Berliner Kabarettist Martin Buchholz lebt seit 30 Jahren von seinen Wortverdrehungen

Der Kabarettist tänzelt um sein Pult herum, schlägt die Hände vors Gesicht und atmet schwer durch: Mein Gott, ich mache Kleinkunst – und das in meinem Alter. Der metallene Hochtisch und ein Hocker davor sind seine einzigen Requisiten. Martin Buchholz, ohne Maske oder Aufzug, immer in schwarzen Jeans und schwarzem Hemd, lebt von der Wort-Gewalt, mit denen er Politiker-Phrasen auseinandernimmt und wieder neu zusammensetzt. Seit 30 Jahren steht der gebürtige Weddinger auf der Bühne. Leicht verpasst man bei seinem Feuerwerk bitterböser, hintersinniger Wortspiele eine der unentwegt prasselnden Pointen. Anders als sein Vorbild Wolfgang Neuss bekräftigt Buchholz nicht jede mit einem Schlag auf die Pauke. Nur eine Sekunde innehalten – dann geht es bereits weiter mit der nächsten satirischen Erklärung der Welt.

Der frühere Redakteur, der als Volontär bei der Berliner Tageszeitung „Der Abend“ begann, sieht sich in der Tradition seines großen Vorbildes Neuss, damals neben Wolfgang Gruner der bekannteste Berliner Kabarettist der Sechzigerjahre. „Mit politischer Korrektheit“, sagt der selbst ernannte „Pan-Germane, halb Bock, halb Mensch“, „konnte ich nie was anfangen.“ So galt Buchholz seinen Kritikern abwechselnd als Frauen- oder Ossi-Feind. Auch viele seiner ersten Zuschauer wollten nicht mitlachen, wenn er die Rituale der Friedensbewegung aufs Korn nahm: „Stell dir vor, es ist Frieden, und keiner latscht hin.“ Die „Internationale“ verulkte er mit seinem Programm: „Lacht auf, Verdummte dieser Erde!“ So blieb ihm (anders als Dieter Hildebrandt) ein Auftritt in der DDR verwehrt – bis 1990, als der Gesamt- „Deutsche Fernsehfunk“ Buchholz für kurze Zeit sogar eine eigene Sendung gab.

Kabarett ohne Schnickschnack

„Ich mache Kabarett mit einem großen K“, sagt Buchholz. Das heißt auch: ohne Schnickschnack. Parodie seiner Zielpersonen oder Stimmenimitate liegen ihm nicht. Neben Neuss schätzt Buchholz besonders Dieter Hildebrandt, Georg Schramm und Matthias Deutschmann als Satiriker. Hildebrandt fällt ihm auch ein, wenn er nach der Altersgrenze für Kabarettisten gefragt wird. „Solange ich nicht wie Johannes Heesters auf die Bühne geschoben werden muss, mache ich weiter.“ Dabei dürfte Buchholz heute schon im Ruhestand sein. Doch der 70-jährige Kabarettist aus Leidenschaft will die Freiheit auf der Kleinkunstbühne noch eine Weile auskosten, bevor die Frauenquote greift. So ist die Show vielleicht die letzte Gelegenheit für den Mann zu reüssieren, bis es auch hier heißen könnte: „Kassandra – übernehmen Sie!“ Vor allem die eine, alle modernen Quoten erfüllende Politikerin im Kanzlerinnenamt macht ihm die Arbeit schwer und leicht zugleich. Und immer wieder nimmt er sie wörtlich.

Sie wird für ihn zur Hardcore-Lady, die unerbittlich ihre Beschlüsse durchpeitscht und die Knute ihrer Sparpolitik über Europa schwingt. Eine Meck-Pomm-Domina, deren animalisch-erotische Ausstrahlung in jedem Mann das Kuscheltier weckt. Bei allem Sarkasmus ist die Weltsicht des Satirikers nicht unbedingt pessimistisch. Das sei allerdings eine Frage der Definition, meint er. „Ein Optimist glaubt ja, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Und der Pessimist fürchtet, dass das wahr sein könnte.“

Doch zunächst stürzt der Kabarettist sich auf Merkels Widerpart, den „Kollegen“ Steinbrück. Über den er allerdings keine Witze machen will: „Das gehört sich nicht unter Kollegen. Schließlich ist der auch Vertragskünstler.“ Und natürlich haut er dann um so fester drauf. Wenn Steinbrück den „Raubtierkapitalismus“ bändigen will, so müssen seine Ansprachen vor dessen Repräsentanten, den Raubkatzen, wohl das „fiskalische Kitekat“ sein. Auch Berliner Staatskünstler bleiben nicht verschont: Den armen Bruchpiloten Wowereit nimmt er ausdrücklich in Schutz: „Schließlich hat er schon früh angedeutet, dass es zu Termin-Verzögerungen beim Flughafen kommen könnte und immer betont: Dies sei ein Jahrhundert-Projekt. Er konnte bloß nicht sagen, in welchem Jahrhundert die Eröffnung stattfindet.“

Das Lachen ist sein Geschäft

„Ich verlasse mich nur aufs Wort und genieße die Verblüffung darüber, was man mit der deutschen Sprache anfangen kann“, sagt der Schalk, der schon in frühen Zeitungskommentaren durch Sarkasmus auffiel. „Weil du reich bist, musst du früher sterben“ – hieß ein Beitrag über zu Tode operierte Wohlhabende in den USA. Martin Buchholz stellt die Politiker-Worte vom Kopf auf die Füße, ja, gibt manchen dieser Redensarten vielleicht überhaupt erst eine Bedeutung. Sein eineinhalb-Stunden-Auftritt ist das, was der ratlose Zeitungsleser noch fragen wollte, wenn er das letzte Blatt beiseite gelegt hat. Das befreiende Lachen gegen die Unglaublichkeit des Weltgeschehens ist sein Geschäft.

Kassandra, übernehmen Sie! Jeden Sonntag, 16.30 Uhr in den „Wühlmäusen“ am Theodor-Heuss-Platz, Pommernallee 2-4. Tel. 30673011