Elbphilharmonie

Andere Städte, gleiche Pleiten

Der Bau der Elbphilharmonie wird teurer als gedacht – warum scheitern wir ständig an Großprojekten?

Vor einem Jahr hat Rem Koolhaas die Hamburger Hafencity besucht. Der Architekt ist in seiner Zunft eine ähnliche Institution wie es Marcel Reich-Ranicki unter den Literaturkritikern ist: Man ist nicht immer seiner Meinung, aber man sollte sie kennen. Der Niederländer baute des Hauptquartier des Staatsfernsehens CCTV in Peking, die Bibliothek in Seattle, die niederländische Botschaft in Berlin. Jedenfalls erzählte Koolhaas, dass die Elbphilharmonie typisch für das Architekturverständnis in dieser Zeit sei. Der Bau sei nicht funktional, sondern „ein Sahnehäubchen“. Das sind so Dinge, die man sich gönnt.

Koolhaas hat mit den Bemerkungen im vergangenen Dezember eine geradezu prophetische Begabung gezeigt. Denn die Verzierung der Hamburger Hafencity ist, wie gestern bekannt wurde, und das Umfeld schon länger ahnte, noch teurer als gedacht. 200 Millionen Euro mehr als geplant soll der Bau kosten, 575 Millionen Euro ist für eine Musikstätte schon ein ordentlicher Preis. In der Hansestadt macht man so etwas im übrigen gern, so kurz vor Weihnachten reinen Tisch zu machen. Auch letztes Jahr hatte der verantwortliche Baukonzern Hochtief verkündet, dass die Fertigstellung der Elbphilharmonie sich verzögern würde.

Das Ganze kommt einem doch ziemlich vertraut sein. Es gibt wie in einem Drama einen klassischen Aufbau mit einer kurzen Phase der Aufbruchsstimmung, gefolgt von einigen Verwicklungen und Missverständnissen und am Ende stehen die meisten Akteure schlechter da als zuvor. Im Theater zählt man am Schluss die Leichen, in der Wirtschaft die Pleiten und Rücktritte. Und die Fehlkalkulation in Hamburg erscheint einem noch aus einen anderen Grund bekannt. Denn wir könnten das Großprojekt auch Stuttgart 21 nennen. Oder Nürburgring-Ausbau. Oder Transrapid. Oder natürlich auch nach unseren liebsten beiden Baustellen der Stadt: Der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Staatsoper.

Erst wird von der politischen Seite die „Unverzichtbarkeit“ des Projekts gepredigt und wie essentiell es für den Standort Hamburg/Berlin/Stuttgart/Deutschland sei. Dann folgen, und auch das ist wie ein Naturgesetz in diesen Tagen, zwei Meldungen zu ungefähr gleicher Zeit: Es melden sich Experten zu Wort, die sagen, dass Projekt sei zu groß/klein und unsicher/unsinnig und würde länger/teurer als vorgesehen dauern. Die Politiker melden sich dann zu Wort und sagen solche Sachen wie „Alles Quatsch“ und „Der Termin steht“ und wundern sich, warum ihnen keiner glaubt.

Es kommt dann so, wie man es schon immer geahnt hat: Die Vorhaben werden eingestellt, wenn es offenkundig zu unsinnig ist – sprich Kosten und Nutzen stehen in keinem Einklang mehr miteinander – wie beim Transrapid und dem Ausbau des Nürburgringes. Oder macht man halt weiter, weil mit einem halben Flughafen oder einen halben Konzerthalle oder gar einem halben Bahnhof auch keiner was anfangen kann.

Es gibt, technisch gesprochen, bei jedem Großprojekt eine Lücke zwischen Zielvorgabe und Ergebnis. Woran liegt das? Grob unterteilt sind da zwei Blöcke: Der eine ist politischer Natur. In Demokratien dauern Entscheidungsprozesse naturgemäß länger und zuweilen noch länger als je für möglich gehalten, siehe Stuttgart 21. Zudem werden Politiker nur für vier Jahre gewählt. Mit Großprojekten lassen sich Arbeitsplätze versprechen, und wenn man fleißig rechnet, kann man bestimmt auch irgendwelche „Wohlfahrtsgewinne“ für die Region kalkulieren.

Der andere Grund mag darin liegen, dass Menschen sich nun einmal gern überschätzen. Selbstüberschätzung ist entwicklungsgeschichtlich ja gar keine verkehrte Gabe (sonst hätten wir unsere Höhlen bis heute nicht verlassen). Nur, konkret im hier und jetzt ist es halt ärgerlich, wenn es kaum ein Bauprojekt gibt, das gelingt. Bei dem armen Bauherren Bruno Semmeling amüsierte sich das TV-Publikum bei „Einmal im Leben“ in den siebziger Jahren, im realen Leben haben Beobachter für den Bauherren Klaus Wowereit allenfalls ein mitleidiges Lächeln. Er wird sich wahrscheinlich denken, schaut mal, die anderen da in Hamburg, die können es auch nicht besser. Aber retten, das weiß er auch, wird ihn das nicht.