Popkritik

Der Himmel muss warten: Heaven 17 spielen im C-Club

Im Fond einer silberfarbenen Limousine, unterwegs auf langer Reise durch die Londoner Nacht, will es in einer Arte-Dokumentation die eine 80er-Jahre-Ikone von der anderen abschließend doch noch wissen.

„Denkst du je daran, aufzuhören?“, fragt Ultravox-Sänger Midge Ure. „Könnte ich mir gar nicht leisten“, erwidert Glenn Gregory und es ist dem kahl geschorenen Frontmann von Heaven 17 anzusehen, dass er sich diese Frage wohl schon tausendmal gestellt hat.

Damit scheint schlüssig erklärt, warum so manche 80er-Band mit zombiehafter Rastlosigkeit durch die großen, meist aber eher kleinen Hallen der Welt geistert. Gut 450 Besucher, die am Mittwoch in den C-Club gekommen sind, kümmert das allerdings herzlich wenig. Es sind meist Herren über 40, vertieft in Fachgespräche über den Synthie-Pop von damals. Es sind in die Jahre gekommene Versionen von dem, was man heute „Hipster“ nennt. Sie wollen wissen, wie das für diesen Abend angekündigte Album „The Luxury Gap“ von 1983 heute auf sie wirkt.

Im C-Club stimmt der Sound-Mix von der ersten Sekunde an. „Crushed by the wheels of industry“ rollt im Rhythmus kollidierenden Metalls. Depeche Mode haben den Sound in „People are people“ eingesetzt. Zwölf Monate nach Heaven 17. Bei Album-Titel drei kann Glenn Gregory dann theoretisch die Arbeit einstellen: „Let me go“ singt das Publikum von Anfang bis Ende allein. Das kennt man sonst von den Konzerten der Bands mit den großen Gesten und breiten Gitarrenwänden.

Am Keyboard verdreht Ware, der Heaven-17-Vordenker und Ausnahme-Produzent mit der Leibesfülle und Aura eines Orson Welles, ab jetzt alle paar Minuten ungläubig die Augen. Wie sehr das „Luxury Gap“ live funktioniert, hat wohl auch er nicht geahnt. Beim unsterblichen Radio-Hit „Temptation“ etwa arbeitet sich Backgroundsängerin Kelly Barnes in einem Solo durch die Tonlagen, bis ihr Gregory und Ware mit fassungslosen Blicken wie die Vampirjäger ihre überkreuzten Zeigefinger entgegenstrecken. Das ist Soul, das geht so weiter bis zum großen Album-Finale, „The best kept secret“, nach dessen Ende das Publikum erst wieder zum Luftholen kommt.

Weiter jagt die siebenköpfige Band durch das frühe Repertoire von Heaven 17 und deren Vorläufern, der Human League. Das hier ist keine Retro-Tour. Dieser Abend zeigt den Zuschauern, wie viel in jenen Songs steckte, die sie schon als Jugendliche liebten.