Musik

Das lange Zögern des Tausendsassas Rafael Horzon

Draußen liegen schon die Fertigen. Unter dem S-Bahn-Bogen trinken sie Korn.

Für vier Euro die Flasche wärmen sie sich am Rausch, der die Männer in Decken und unter Supermarktprospekten hoffentlich durch die Nacht bringt. Nur wenige Meter weiter, im Flamingo, einem Club in das Gemäuer des Bogens hingehauen, feiert die Gesellschaft Mittes mit Gläsern zu acht Euro das Getränk ihren großen Helden. Den vielleicht letzten Tausendsassa: Rafael Horzon. Unter dem Namen Ludwig Amadeus Horzon hat der Möbelverkäufer, Spülenhändler, Wissenschaftsakademiedirektor, gescheiterter Partnervermittlungsbetreiber nun die LP „Me My Shelf And I“ veröffentlicht, die an diesem Abend Premiere feiern soll.

Alle warten auf Horzon. Eine Pressekonferenz am Tag zuvor wurde bereits abgesagt. Es habe technische Probleme gegeben, so ein Zettel, der an der Tür klebte. Horzon ist ganz gut drauf. Vielleicht ein bisschen aufgeregt Er schüttelt ständig Hände, verteilt enge Umarmungen an lauter Leute, die bunte Hosen und Daunenjacken tragen. Wann es wohl losgeht? Also die Performance? Es ist halb eins, Horzon meint, man müsse sich noch eine dreiviertel Stunde gedulden. Er trägt ein schönes Hemd, einen edlen Wollpullover, ein dünner Schal umschlingt den Hals. Auf einer Leinwand läuft das Video zu seinem Song, den übrigens die Sängerin Peaches für Horzon eingesungen hat, in Endlosschleife. Der DJ spielt inzwischen Funk. Weil eigentlich gar nichts passiert, tanzen jetzt schon einige wie John Travolta in Pulp Fiction.

Der Musikclip zu „Me My Shelf And I“ ist eine wahre Augenweide. Der Titel ist an sich eine Parodie auf die Bildergalerien von Teenagern in sozialen Netzwerken. Die werden häufig mit „Me Myself And I“ überschrieben und dann sind da Mädchen mit großen Kulleraugen, die sich von schräg oben selbst fotografieren. Dazu ist „shelf“ das englische Wort für „Regal“. Horzon verkauft eben Regale. Seine Regale, die er in der Torstraße verkauft, haben Horzon in Berlin zu einem spinnerten Star gemacht. Er verkauft in seinem Laden nichts anderes als die von ihm entwickelten Regale und dazu passend sein Buch „Das weiße Buch“. Endlich, fast hätten alle das Warten aufgeben, ist Horzon bereit. Die Todesdrehungen sind ein von Horzon entwickelter Tanzstil, den nur die wenigsten so virtuos beherrschen wie ihr Erfinder. Man muss die Augen ganz weit verdrehen, bei bestimmten Tonwechseln schließen. Dann nimmt man seinen Nachbarn an die Hand. Die Menge ist begeistert.