Literatur

Der jüngste Klassiker

Moritz Rinke hat nach sieben Jahren wieder ein Stück geschrieben. Der Dramatiker aus Berlin erzählt moderne Liebesgeschichten

Wenn das Abendlicht im Kreuzberger Café am Ufer auf sein Antlitz fällt, kann man sich jetzt schon vorstellen, wie einmal die Marmorbüste von Moritz Rinke aussehen wird. Dann sind die seit Jahrzehnten immer gleich in der Mitte gescheitelten halblangen Engelshaare nicht mehr das Attribut eines hübschen Jungen von 45 Jahren, sondern eine Klassikermähne, eine Olympierfrisur, eine Reminiszenz an Schiller, Goethe und Hauptmann, der Look von Weimar und für Walhalla – die Ruhmeshalle, die der Bayernkönig Ludwig I. bei Regensburg errichten ließ, um dort große Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ zu ehren.

Den Status eines lebenden Klassikers hat Moritz Rinke längst schriftlich. In Elisabeth und Herbert Frenzels legendärem Handbuch „Daten deutscher Dichtung“ steht ein Eintrag zu seinem Erstlingswerk „Der graue Engel“. Es ist einer der letzten. Die deutsche Literaturgeschichte spannt sich also von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu Moritz Rinke. Neuerdings gibt es auch ein „Arbeitsbuch“ mit Aufsätzen wie „Ökonomie und Theater. Arbeitswelt und Simulation bei Moritz Rinke“ oder „Arrogante Naivität. Zur politischen Dimension von Rinkes Handlungspoetik“. Zwischen „Arbeitsbuch“ und „Arbeitswelt“ passt immer noch ein „Arbeitsheft“ – ein solches ist, wie es sich für einen Klassiker gehört, erschienen im Schulbuchverlag Schroedel – mit „vielfältigen Aufgaben“, und „reichhaltigem Bildmaterial“ und „kreativen Schreibaufträgen“ zum Stück „Republik Vineta“.

Der Koffer der Diva

Mit einem kreativen Schreibauftrag begann einst auch die Karriere des Dramatiker Moritz Rinke. Der Berliner Verleger Klaus Siebenhaar, ein Frisurseelenverwandter von Rinke, hatte 1995 einen großen Essay über Marlene Dietrich bestellt, aber er bekam ein kleines Drama. Geblieben ist am Ende nur der Koffer der Diva, den damals tout Berlin aus eigener Anschauung kannte, weil die Stadt gerade den Nachlass der drei Jahre zuvor verstorbenen großen Tochter gekauft und in einer vielbesuchten Ausstellung im Gropiusbau gezeigt hatte. Dieser Koffer war nun das zentrale Requisit in der „Der graue Engel“, einem Monolog für eine Schauspielerin. Es sollte am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt werden. Aber Inge Keller wollte die Rolle nicht spielen, genauso wenig wie Jeanne Moreau später in Paris – beide warfen den jeweiligen Regisseuren Thomas Langhoff und Robert Wilson vor, ihre Ikonenhaftigkeit ausnutzen zu wollen.

Im Deutschen Theater gab es vielleicht auch noch andere Gründe. Der damalige Chefdramaturg Michael Eberth schreibt jetzt in dem Arbeitsbuch über den jungen Rinke: „Alles, was er schrieb, nahm sich leicht, ja geradezu schwebend aus.“ Das war natürlich, so kurz nach dem Untergang der DDR, dem Ensemble nicht zumuten. In der DDR war das dramatische Gewerbe eine Schwerindustrie gewesen, wenn ein Stück ernst genommen werden wollte, musste es gewichtig „Zement“, „Golden fließt der Stahl“, „Der Bau“, „Traktor“ oder wenigstens „Hamletmaschine“ heißen.

Vermutlich hätte auch eine Komödie mit dem Titel „Wir lieben und wissen nichts“ keine Chancen gehabt. So heißt Rinkes neuestes Werk, das am Samstag in Frankfurt uraufgeführt wird. Es ist das erste Rinke-Stück seit sieben Jahren. Und weil offenbar viele darauf gewartet haben, wird es gleich an sieben Theatern nachgespielt. Das sind Yasmina-Reza-Dimensionen. In Hamburg hätte Rinke die Rolle des Traumtänzers Sebastian selbst spielen sollen: „Aber mein Verleger hat’s verboten, er sagt, ich würde damit die friedliche Rezeption stören. Aber die weibliche Besetzung ist schon toll in Hamburg, schade …“ Das ist natürlich nur Koketterie. Denn als ihn sein bisher prominentester Auftritt als Schauspieler in die Nähe eines vielbegehrten weiblichen Superstars brachte, ergriff Rinke glatt die Flucht. 2003 war das, er hatte in Max Färberböcks Film „September“ mitgespielt: „In Cannes dinierte ich am für Hauptdarsteller reserviertem Tisch mit Nicole Kidman, die mich zum Tanz aufforderte, worauf ich auf die Toilette flüchtete, weil ich dachte, mein Leben würde dadurch in falsche Bahnen gelenkt.“ Schade. Man hätte sich auch Nicole Kidman gut in „Der graue Engel“ vorstellen können. Stattdessen wird es wohl bald Barbara Sukowa in New York spielen, in der Regie von Robert Wilson, den das Stück nicht los lässt.

Drei von den sieben Jahren Bühnenpause hat Rinke mit dem Verfassen eines Romans verbracht. Mit lohnendem Ertrag. 150.000mal verkaufte sich „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ seit 2010. „Es war eine bewusste Auszeit vom Theater.“ Gründe gab es genug dafür. Die Uraufführung seines letzten Stückes „Café Umberto“ 2005 in Bochum war eine traumatische Erfahrung. Die Hauptdarstellerin hatte sich gerade vom Hauptdarsteller getrennt und beide führten ihre Psychokriege auf der Probebühne fort. Dann wurde Rinke bei der Premiere auch noch von Mitgliedern von „Attac“, einer damals sehr berühmten linken Bewegung, mit Gegenständen beworfen, weil diese das Gefühl hatten, er hätte sie und ihre Sache in den Schmutz der Komik gezogen.

Wurfgeschosse drohen Rinke in Frankfurt jetzt nicht. „Wir lieben und wissen nichts“ handelt von zwei Paaren, die sich durch einen Wohnungstausch kennenlernen. Auch eine Art Reza-Konstellation: In der fast leeren Immobilie entwickeln der versponnene Sebastian und die hingebungsbereite Nachmieterin Magdalena rasch Anziehungskräfte, während deren Partner Roman, ein vermeintlich handfester Macher, und Sebastians karrierebewusste Lebensgefährtin Hannah sich ebenfalls anmachen.

Im Beischlaf umarmen

Ursprünglich wollte Rinke die Paare durch eine Partnerbörse zusammenführen, denn es geht um die „dunklen digitalen Seiten“ der heutigen Beziehungsfantasterei und um die virtuell hinaufbeschworenen Phantome, die die Männer, wie Roman einmal sagt, „im Beischlaf umarmen“. Doch dann wurde ihm klar, dass das falsche Erwartungen geweckt hätte: „Und in Richtung Koitus zu schreiben – das ist das dann doch nicht mein Thema.“

Seine Thema sind eher die sympathisch Impotenten. So wie der seltsame Zeitreisende aus „Der Mann, der noch keiner Frau Blöße berührte“ - mit „Der Mann, der…“-Titeln hat es Rinke irgendwie. Oder so wie Sebastian in „Wir lieben und wissen nichts“, der an der Zwickmühle verzweifelt, Hannah ein Kind machen zu sollen und gleichzeitig zu wissen, dass er unfruchtbar ist. Verraten kann er es der Geliebten aber nicht, denn dann müsste er zugeben, dass er weiß, sie hat ihn schon einmal betrogen – einige Jahre zuvor hat sie ein Kind abtreiben lassen. Angesichts solcher Dilemamata glaubt man Rinke, wenn er beschwört, das Ende des Stückes, wenn Sebastian verlassen in der Wohnung sitzt, sei keineswegs pessimistisch, sondern Sebastian sei endlich wieder dort, wo er hingehöre: „Im Zeitnest des Traumvogels, wie Walter Benjamin das genannt hat“, einem Ort, wo man nicht von sexuellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Erwartungen erdrückt wird.

Wenn man ihn so reden hört, kann man sich kaum vorstellen, dass Rinke in seinen Kindertagen nicht Nester anstrebte, sondern Netze und zwar solche, in denen keine Traumvögel sondern gegelte Greifen wie Tim Wiese nisten: „Die ganze Jugend war vom Wunsch geprägt, Torwart zu werden,“ erzählt der Tanztheater-Choreograph Johann Kresnik über den Sohn seines guten Freundes Hadfried Rinke, eines Goldschmiedemeisters in Worpswede, der nach Aussage des Sohnes „sechs Kinder mit vier Frauen“ hat. „Wann immer ich zu Besuch kam, stand Moritz schon zwischen zwei Bäumen im Garten und brüllte, wenn er mich erblickte: ,Schieß!’“ Auch das steht in dem erwähnten Arbeitsbuch. Aber vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Die Fähigkeit, schweben zu können, die der Dramaturg Eberth Rinke attestiert, hätte ja auch für einen Torwart nützlich sein können.