Dokumentation

Die „Affäre Wulff“ samt Mailbox-Ansage auf 300 Seiten

Gerade ein Jahr ist es nun her, da heizte der Anruf des Bundespräsidenten beim „Bild“-Chefredakteur die Wulff-Affäre ordentlich an.

67 Tage hielt dieses Thema die Republik in Aufregung, kaum eine Debatte erregte zu dieser Zeit die Gemüter der Deutschen mehr. Christian Wulff griff an jenem 12. Dezember zum Telefon und hinterließ einige Sätze auf dem Anrufbeantworter von Kai Diekmann. Dieser war gerade in New York bei einer Preisverleihung. Ortszeit 12.19 Uhr. Wulff sprach von Krieg, erläuterte, dass für ihn und seine Ehefrau der „Rubikon überschritten“ sei. Er drohte dem verantwortlichen Redakteur mit einer Strafanzeige. Das sollte er später bereuen, die präsidialen Worte führten zu seinem Rücktritt im Februar. Ein einmaliger Vorgang.

Wulff, so „Bild“-Autor Nikolaus Harbusch, habe sich damals nicht, wie oft geschrieben, in einer „emotionalen Sondersituation“ befunden. Er nennt es das „System Wulff in der Pressearbeit“. „Er hat zweimal hintereinander mit ruhiger Stimme die ähnlichen Drohungen auf zwei unterschiedlichen Mailboxen hinterlassen.“ Diese zwei Anrufe in nur 45 Minuten wertet Harbusch als systematischen Eingriff in die Pressefreiheit. Auch Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, wurde auf den AB seines Handys gesprochen.

Tagebuchartig hat Harbusch mit seinem Kollegen Martin Heidemanns zusammen die Causa Wulff dokumentiert. Wer Fakten will, bekommt sie en detail – auf über 300 Seiten inklusive der fast 400 Fußnoten, die die Arbeitsweise der Journalisten belegen. Per Zettelkastenprinzip, so erzählt Harbusch, hätten sie die Ergebnisse über die Dauer der Recherche zusammengetragen. Die beiden Journalisten recherchierten bald ein Jahr, waren darauf gestoßen, dass der höchste Mann im Staat als niedersächsischer Ministerpräsident einen Privatkredit aufgenommen, diesen Vorgang aber nicht transparent gemacht hatte. Vor allem auf die Seiten 70/71 werden sich die Leser stürzen, denn hier ist der genaue Ablauf der Mailbox-Nachrichten verzeichnet. Das liest sich wie ein Krimi, auch wenn vieles davon bekannt ist.

Gesprochen hat Harbusch bis heute nicht mit Wulff, nur mit dessen Anwalt. Die journalistische Arbeit geht weiter. Ende Januar wollen die Staatsanwälte entscheiden, ob Anklage erhoben wird.

Martin Heidemanns, Nikolaus Harbusch: Affäre Wulff. Bundespräsident für 598 Tage – Die Geschichte eines Scheiterns. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 2012, 19,95 Euro.