Literatur

Es waren einmal zwei Brüder

Vor 200 Jahren erschienen die „Kinder- und Hausmärchen“ von Jacob und Wilhelm Grimm

Von allen Figuren, die eine Geschichte aufbietet, ist ihr Erzähler die geheimnisvollste. Oft ist er unsichtbar, weil vor aller Augen – am offensichtlichsten aller Orte – versteckt; in vielen Fällen trägt er nicht mal einen Namen. Wer erzählt eigentlich Grimms Märchen? Das „Volk“? Ehrlich? Der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, dieses erfolgreichsten aller Bücher in deutscher Sprache, erschien am 20. Dezember 1812. Seine Tarnung jedoch ist bis heute – genau 200 Jahre danach – nicht restlos aufgeflogen.

In Terry Gilliams Kinofilm „Brothers Grimm“ ziehen die Brüder Jake (Heath Ledger) und Will (Matt Damon) durch die Lande und vertreiben allerlei Hexen und Geister, die am Ende doch nichts anderes als das Produkt ihrer mutwilligen Täuschungen sind. „Brothers Grimm“ war kein guter Film und ist zu Recht schon fast vergessen – und doch ist etwas Wahres an der Geschichte, die er erzählt. Denn einerseits beglaubigt er zwar das Trugbild von den romantisch vagabundierenden Märchenbrüdern, die in Wahrheit kaum je ihre Studierstube verließen – andererseits jedoch stellt er es im selben Atemzug bloß: die Brüder Grimm als Gauner-Duo?

Zwei Käuze aus Hessen

Immerhin, so berichtet es ihr scharfsinniger Biograf Steffen Martus, ist „nicht ein einziges der Grimm’schen Märchen … aus Kindheitserinnerungen von Jacob und Wilhelm Grimm oder ihrer Geschwister geschöpft“. Und doch haben die Brüder mit ihrer Sammlung glaubhaft gemacht, eine alte und weit verbreitete Tradition zu dokumentieren: In „Grimms Märchen“ verbirgt sich eine ausgefuchste Erzählerfigur. Den beiden Käuzen aus Hessen, Jacob und Wilhelm, die, so sagte es Alexander von Humboldt, „wie Mann und Frau“ lebten, grundsolide die Sprach- und Literaturwissenschaft mitbegründeten und schließlich über dem gewaltigen Projekt eines riesigen Wörterbuchs starben, ist das eigentlich nicht zuzutrauen. Doch das ist eben der Trick.

Denn auf ihre Art waren die germanistischen Brüder, die aus dem Nichts kamen und mit Mitte zwanzig die akademische Szene aufmischten, mit allen Wassern gewaschen. Jacob, der Ältere, war der Kämpfer, Wilhelm, der Jüngere, der immer etwas kränkelte, war bei aller Empfindsamkeit ein Taktiker vor dem Herrn. Anders als bei späteren Grimm-Projekten war er das Mastermind hinter den Märchen. Wilhelm führte nicht nur die Verhandlungen mit den Verlegern, er war es auch, der den unsichtbaren Erzähler von „Grimms Märchen“ an seinem Schreibtisch empfing. Als die Brüder um 1808 anfingen, Märchen zu sammeln, machte sich Jacob eher strukturelle Notizen, Wilhelm hingegen erzählte notierend gleich mit.

Ganze 60 der 200 Hausmärchen haben die Grimms aus Büchern exzerpiert, die übrigen Beiträger waren in der Regel Bildungsbürger, wenn nicht gleich von Adel. Die Märchenforscher Heinz Röllecke und Albert Schindehütte listen sie in ihrem im Eichborn Verlag erschienenen Prachtband „Es war einmal …“ auf: Marie Hassenpflug, Tochter eines späteren Regierungspräsidenten (und als Beiträgerin erst 1975 enttarnt), die Apothekerstocher „Dortchen“ Wild (die Wilhelm später heiratete), den Freiherrn von Haxthausen (der die „Bremer Stadtmusikanten“ beitrug) oder die Schwestern von Droste-Hülshoff, von denen die Jüngere, Jenny, „Die zertanzten Schuhe“ lieferte, während die widerspenstige ältere, Annette (die später „Die Judenbuche“ schrieb“), Wilhelm märchenhafte Albträume verursachte: Sie „war ganz in dunkle Purpurflamme gekleidet und zog sich einzelne Haare aus und warf sie in die Luft nach mir.“ Zwar gab es auch Beiträger aus „dem Volk“, zum Beispiel den pensionierten Dragonerwachtmeister Krause (der Märchen gegen Altkleider tauschte: „Ich denke = däglich an Ihnen, Morgen, und abents wenn ich mich aus und annzihe“), die meisten Beiträger aber entstammten eben „besseren“ Kreisen, waren selbst schon romantisiert und vor allem französisiert.

Ein zäher Verkaufsstart

Als Marie Hassenpflug „Dornröschen“ beitrug, notierte Jacob Grimm: „Dies scheint ganz aus Perrault’s“. Er meinte die französische Märchensammlung von 1697, an die sich Marie offenbar besser erinnerte als eine heimelige Stunde in irgendeiner Spinnstube. „Der gestiefelte Kater“, als Franzose erkannt, musste die Grimmsche Märchensammlung wieder verlassen. „Dornröschen“ blieb.

Der erste Märchen-Band von 1812 braucht eine halbe Ewigkeit, sich abzuverkaufen; von Band zwei, 1815 in tausend Exemplaren gedruckt, wurden 1819 350 Exemplare eingestampft. Erst als die Briten eine Art Best-of veröffentlichten, das dann als „Kleine Ausgabe“ auch in Deutschland erschien, lief es besser, dann noch besser, dann glänzend – woran Wilhelms stetes Überarbeiten entscheidenden Anteil hatte.

Heinz Röllecke, Albert Schindehütte: Es war einmal …, Die Andere Bibliothek, 438 Seiten, 99 Euro