92 Jahre

Ravi Shankar gestorben - Er popularisierte indische Musik

„Was tue ich nur in diesem Käfig, in diesem alten Körper?“ schrieb Ravi Shankar einigermaßen fassungslos bereits vor 13 Jahren in seiner Autobiografie „Raga Mala“.

„Warum kann ich nicht mehr wie früher Marathon-Konzerte geben und hinterher stundenlang Liebe machen? Mein Geist ist doch noch so jung…“ Das Altern, es war ein Problem für den Sitar-Virtuosen, den alles überragenden Weltstar der nordindischen Klassik, der sich von einer Herzoperation nicht mehr erholte und am Dienstag mit 92 Jahren in einer kalifornischen Klink starb. Bis zuletzt quoll er über vor Zukunftsplänen, erlebte in London die Uraufführung seiner ersten Symphonie für Sitar und Orchester und gründete Anfang 2012 eine eigene Plattenfirma, um legendäre Archivaufnahmen zu veröffentlichen. „Ich kann nachts kaum einschlafen, so viele Ideen habe ich“, erklärte er, der 1920 in Indiens heiliger Stadt Varanasi als Robindro Shaunkor Chowdhury geboren wurde.

Nur die Konzerte fielen ihm zunehmend schwerer: Beim letzten Auftritt, den er am 4. November gemeinsam mit seiner Tochter und Schülerin Anoushka Shankar absolvierte, brauchte er Rollstuhl und Sauerstoffgerät. Seine Karriere begann bereits im Alter von zehn Jahren, als er mit der Tanz- und Musiktruppe seines älteren Bruders Uday nach Paris zog und hier ebenso große Erfolge feierte wie im Rest Europas und den USA. Es war ein Leben der Versuchungen, ein Leben, das Shankar genoss. „Ich hatte Mädchen in jedem Hafen, nicht nur eines“, erinnerte er sich. Schauspieler wie Clark Gable und Joan Crawford, Musiker wie Cole Porter und Duke Ellington gehörten zu seinem Bekanntenkreis.

Doch die Freuden des Weltlichen, sie reichten ihm letztlich nicht. Er wollte mehr, wollte zu den spirituellen Quellen der Musik vordringen. Auch die zunehmende Popularisierung der indischen Klassik, deren Elemente sich zunehmend auf Pop-Alben fanden, betrachtete er mit gemischten Gefühlen. Man könne nicht einfach ein paar Töne auf der Sitar spielen und dann behaupten, man habe das Wesen der Musik erfasst, schrieb er in „Raga Mala“. Dazu gehöre ein spiritueller Reifungsprozess nämlich, der auf einer jahrtausende alten Kultur fuße. Verbündete im Geiste waren ihm Musiker wie Yehudi Menuhin oder Zubin Mehta, mit denen er eine Brücke von Ost nach West schlug und epochale Platten einspielte.

Ravi Shankar: „The Ravi Shankar Collection“ (EMI); www.ravishankar.org