Bühne

Suchen nach dem eigenen Theaterweg

Mit Ingo Hülsmann wechselt einer der prägenden Figuren des Deutschen Theaters nach zwölf Jahren an die Schaubühne

Ingo Hülsmann liegt in der Badewanne. Vollständig bekleidet, aber ohne Wasser. In einem etwas altmodischen Modell mit Füßen. Drum herum liegen Bücher. Viele Bücher. Die Wanne dient als Sitz- oder Liegegelegenheit in „Sommergäste“, Hülsmann spielt den Rechtsanwalt Bassow. In dessen arg heruntergekommenen Haus langweilt sich eine Gruppe Intellektueller, ganz seltsame Figuren. Anwaltsgattin Warwara mimt die Grande Dame, vorzugsweise liegend auf einem ausgeklappten Sofa. Alvis Hermanis, einer der wichtigsten europäischen Regisseure, der in Berlin zuletzt mit seinem am Wiener Burgtheater realisierten „Platonov“ beim Theatertreffen im Mai gefeiert wurde, inszeniert dieses 1904 von Maxim Gorki geschriebene Stück an der Schaubühne – dort hat dieses Werk eine ganz besondere Geschichte. Am Freitag steigt die mit Spannung erwartete Premiere.

„Bassow ist der Hausherr dieses merkwürdigem Etablissements, er hat alle eingeladen, alle wohnen da auf sein Geheiß, was er genau damit bezweckt, weiß man nicht. Vielleicht hat er Sehnsucht nach Ablenkung“, erzählt Ingo Hülsmann wenige Tage vor der Premiere bei einem Treffen im Café der Schaubühne. Der 49-Jährige kommt gerade von der Probe. Er spricht sehr klar und betont einzelne Wörter, die Hand stützt gelegentlich den Kopf bei der Suche nach der treffendsten Formulierung.

Ein Einstand nach Maß

Für Hülsmann ist das die zweite große Produktion in dieser noch jungen Saison. Im „Volksfeind“, der erfolgreichen Ibsen-Inszenierung von Thomas Ostermeier, spielte er einen genussfeindlichen, mit Intrigen bestens vertrauten Bürgermeister, jetzt arbeitet er erstmals mit Alvis Hermanis zusammen. Die beiden waren sich vorher nie begegnet, haben sich erst im Vorfeld der Produktion kennengelernt, „in die Augen geschaut und gesagt: Wir machen das.“ Für Hülsmann ein Zeichen von Professionalität, für Hermanis, der früher Schauspieler war und in Riga selbst ein Theater leitet, vielleicht ein Ausdruck von Menschenkenntnis.

Auf jeden Fall ein Einstand nach Maß am neuen Haus. Über den Abschied vom alten hat Hülsmann lange nachgedacht. Es war ein überraschender Wechsel in diesem Sommer. Er war einer der prägenden Schauspieler des Deutschen Theaters (DT), kam mit Intendant Bernd Wilms und blieb zwölf Jahre. Als ein Wilms-Nachfolger gesucht wurde, sprach sich das Ensemble für Ulrich Khuon aus, der damalige Intendant des Hamburger Thalia Theaters war auch Hülsmanns Wunschkandidat. Aber die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Hülsmann möchte nicht ins Detail gehen, sagt lediglich, dass es „unterschiedliche Vorstellungen darüber gab, wie man weiter arbeiten wollte. Ich war da einfach zu unglücklich.“ Er dachte auch daran, sich ganz von der Bühne zu verabschieden und mehr Fernsehen zu machen. Aber „das Theater ist eine so tolle Sache, diese Unmittelbarkeit, die würde mir fehlen.“

Das Kapitel DT ist für den Schauspieler allerdings noch nicht abgeschlossen, in fünf Inszenierungen steht er weiterhin auf der Bühne – und eine Michael-Thalheimer-Inszenierung wie „Faust“, die vor acht Jahren herauskam, läuft immer noch vor gut besetzten Rängen. Mit Thalheimer hat einer seiner Lieblingsregisseure im vergangenen Jahr an der Schaubühne sein Debüt gegeben, beim nächsten Projekt dürfte Hülsmann dabei sein.

Legendäre Inszenierung

„Der Wechsel war eine tolle Möglichkeit, ein neues Haus kennenzulernen, eine andere Form des Spielens.“ Ganz anders als bei dem Beschleuniger Thalheimer sei die Arbeit mit Alvis Hermanis. „Wir haben mit Improvisationen angefangen, er gibt eine gewisse Grundrichtung vor und dann entwickelt es sich.“ Nach den Durchläufen, also der Probe des ganzen Stücks, verzichte Hermanis auf eine ausführliche Kritik. „Man muss seinen eigenen Themenweg finden, das ist eine große Umstellung, aber superspannend“ – und Neuland für Ingo Hülsmann.

Die „Sommergäste“ haben an der Schaubühne eine eigene Geschichte. Legendär die Inszenierung von Peter Stein, der damit gewissermaßen den Schaubühnen-Stil prägte. Hülsmann rätselt: Wie lange ist das her? 30 Jahre? Länger?“ Es war 1974, für Jürgen Schitthelm, den Gründer des Theaters, die Lieblingsinszenierung. „Das ist schon sehr präsent hier am Haus, darüber wird viel geredet“, sagt Hülsmann, aber bei den Proben spiele das keine große Rolle. Die Kommunikation zwischen Regisseur und Schauspielern läuft zweisprachig. Die Akteure dürfen gern auf Deutsch fragen, Hermanis antwortet dann auf Englisch.

Der Regisseur taucht in seinen Inszenierungen gern tief in die jeweilige Zeit ein. Auch diesmal? „Die Figuren sind aus der Zeit, aber eben auch nicht aus der Zeit. Das können auch heutige Menschen sein, die sich verabredet haben, in diese Zeit einzutauchen. Vielleicht sind es auch Untote oder Wiedergänger.“

Gartenarbeit gehört zu den Dingen, die Hülsmann als entspannend empfindet. Für ein Spielzeitheft des Deutschen Theaters hat er sich mal mit Spaten im Garten ablichten lassen. Vier Kinder und die Ehefrau gehören zum Haushalt, das Rasenmähen aber bleibt meistens an ihm hängen. Aber das ist momentan kein Thema.