Ausstellung

Staatsaffäre als Kunst

Vor einem Jahr sprach Christian Wulff auf die Mailbox von Kai Diekmann. Der Maler Clemens von Wedel hat die Nachricht auf Leinwand gebannt

Christian Wulff hat die Einladung leider ausgeschlagen. Auch Kai Diekmann konnte nicht aus den USA anreisen. Deshalb wurde die Veröffentlichung der Ansage, die der ehemalige Bundespräsident auf die Mailbox des Chefredakteurs der „Bild“-Zeitung sprach, zu einer ruhigen Veranstaltung. Auch wenn sich der Gastgeber Bazon Brock, emeritierter Ästhetikprofessor, gnadenloser Polemiker und Initiator einer „Denkerei“ in Kreuzberg, alle Mühe gab, den Kristallisationspunkt, der zum Fall Wulffs führte, wieder aufleben zu lassen.

Gestern vor einem Jahr entlud sich Wulffs Zorn auf Diekmanns Anrufbeantworter. Wulffs Versuch, sozusagen auf dem kleinen Dienstweg Einfluss auf die Berichterstattung der größten deutschen Tageszeitung zu nehmen, rächte sich bekanntermaßen. Von dem, was er da auf ein Handy diktierte, waren bisher nur einige Fragmente bekannt geworden, wie etwa die Metapher, dass der „Rubikon überschritten“ sei. Diekmann hatte den Mailboxtext nicht veröffentlicht, stattdessen übergab er die Botschaft an den befreundeten Maler Clemens von Wedel mit der Absicht, den Wortlaut einer künstlerischen Umwandlung zugänglich zu machen. Monatelang arbeitete Wedel an der Verbildlichung eines Textes, der einige bizarre Formulierungen enthält, für eine verbale Hinterlassenschaft auf einem Anrufbeantworter aber vor allem außerordentlich lang ist: „Guten Abend Herr Diekmann, ich rufe Sie an aus Kuwait“, hebt Wulff an. „Bin grad auf dem Weg zum Emir und deswegen hier sehr eingespannt, weil ich von morgens acht bis abends elf Termine habe. Ich bin in vier Golfstaaten unterwegs und parallel plant einer Ihrer Journalisten seit Monaten eine unglaubliche Geschichte, die morgen veröffentlicht werden soll und die zum endgültigen Bruch mit dem Axel-Springer-Verlag führen würde, weil es einfach Methoden (...) gab, die über das Erlaubte hinausgehen.“

Auf sechs großen, grellbunten Tafeln liest sich der Text nun wie von Kinderhand mit Knetmasse auf die Leinwand gedrückt. Manche Wörter sind kontrastreich oder goldmetallic hervorgehoben, mal tanzen die Buchstaben, dann verspringen die Zeilen. Wedel übersteigert die Amt und Würden sprengende Rhetorik eines Mannes, der sich offensichtlich nicht anders zu helfen wusste, als einer spontanen Emotion Luft zu machen. „Ich hoffe, dass Sie die Nachricht abhören können und bitte um Vergebung, aber hier ist jetzt für mich ein Punkt erreicht, der mich zu einer Handlung zwingt, die ich bisher niemals in meinem Leben präsentiert habe. Die hatte ich auch nie nötig. Die Dinge waren immer ordentlich und sauber.“

Brock, der die Vernissage in Vertretung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie ausrichtete, bilanzierte Wulffs eigentliches Problem so: „Eine Autorität kraft Amtes gibt es nicht.“