Podiumsdiskussion

Hipster Antifa Neukölln: Vielleicht ist schöner wohnen nicht verkehrt

Wer länger als vier Jahre in Berlin lebt, darf eine Art Blut-Und-Boden-Logik 2.0 anwenden. Schwaben – Raus! Spanier – Raus! Menschen mit einem Einkommen über der Grundversorgung – Raus! Es ist der Neid derer, die Berlin zum Arkadien ihrer Tagträume zwischen Nichtstun und Billigbier erkoren haben. Eine Organisation stellt sich dagegen. Die Hipster Antifa Neukölln. An diesem Abend veranstaltet sie in der Schankwirtschaft Laidak in der Boddinstraße eine Podiumsdiskussion zum Thema „Aufgeteilte (T)Räume“. Kurz gesagt, geht es um Hipster, Carlofts, steigende Mieten, Gentrifizierung und natürlich Gentrifizierungskritik.

In dieser Kaschemme also wird ein ganz passabler Riesling in berillten Wassergläsern ausgeschenkt. Vorne sitzen von links nach rechts: Im grauen Anzug – Christoph Twickel (freier Journalist, hat ein Buch über die Gentrifizierung in Hamburg geschrieben), der Moderator, mit Jackett und grünem Pulli – der Philosoph Roger Behrens und rechts außen, mit mittellangen Haaren und Piercing in der Unterlippe der Hartz-IV-Empfänger und berufsmäßige Kämpfer gegen steigende Mieten Kris Maschewsky.

Journalist Twickel, berichtet von den Zeiten Hamburgs, in denen die zugezogenen Linken den Proletariern den Klassenkampf beibringen mussten, sie politisierten, und am Ende mit ihnen gemeinsam gegen den Durchgangsverkehr protestierten. Twickel schafft es aus seiner linken Position heraus mit einem gesunden Maß an Selbstironie zu zeigen, wie absurd der vermeintlich gute Kampf doch ist. Die geheuchelte Weltoffenheit der Revolutionäre weicht alsbald einer Kiez-Mentalität, die schließlich in einem Kiez-Nationalismus gipfelt. Damit erzählt er zwar nichts neues, aber auch nichts falsches.

Maschewsky nickt eigentlich nur die ganze Zeit und streicht sich sein blondes Haar aus dem Gesicht. Man kennt ihn aus dem Occupy Camp der Biennale, da hielt er mal einen Vortrag über Antisemitismus. Jedenfalls merkt man, dass Twickel und Behrens, also der Journalist und der Philosoph, ein bisschen strukturierter arbeiten. Weil Maschewsky vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Er bestreitet einen wilden Husarenritt vom Kapitalismus, über das Recht auf Stadt – das heißt, jeder, also wirklich jeder, sollte das Recht haben in der Stadt zu wohnen, am besten in einer Riesen-Wohnung mit Stuck.

Die Zuschauer trinken Bier und am Ende geht es um alles, aber nicht um die Gentrifizierung, nicht darum, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, nachts nicht überfallen zu werden, weil die Cafés noch geöffnet haben – sogar in der Boddinstrasse.