Bühne

Draußen vor der Tür

Heute entscheidet sich endlich die Zukunft der Busch-Hochschule für Schauspielkunst. Ein Besuch am ungeliebten Standort Schöneweide

Wer mit dem Auto aus der Stadt nach Schöneweide fährt, fährt lange geradeaus. Vorbei an Baumärkten, an Einkaufszentren und Tankstellen, die den Sprit vergleichsweise günstig anbieten. Gefühlt liegt dieser Ortsteil von Treptow-Köpenick weit draußen. Diese Empfindung teilen auch die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, so der offizielle Name, deren Ausbildungsstätte an der Schnellerstraße in Schöneweide liegt. Ein funktionaler, zweigeschossiger Bau aus den 70er-Jahren mit einem Anbau aus den frühen Achtzigern. Das Grundstück daneben liegt brach – und das ist gar nicht gut. Denn aus Sicht der Berliner SPD könnte auch dort in Schöneweide der neue Zentralstandort verwirklicht werden, obwohl die Hochschule, die Studenten, der Senat und die Opposition die Chausseestraße in Mitte favorisieren. Ein Architekturentwurf, preisgekrönt, liegt vor. Heute fällt die Entscheidung.

Rektor Wolfgang Engler sieht der Sitzung des Hauptausschusses mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Zu oft wurde die Hochschule schon vertröstet. Die Zusammenführung der auf vier Standorte verteilten Hochschule ist seit vielen Jahren ein Thema, einige Millionen Euro haben die Planungen schon gekostet, es gab Wettbewerbe und Entschädigungszahlungen, weil beispielsweise die Pläne in Pankow sehr spät abgeblasen wurden.

Engler sitzt in seinem Büro in Schöneweide und spricht gestenreich über den Schlamassel. Er erinnert sich noch an eine Autofahrt mit Tilo Sarrazin (SPD). Mit dem damaligen Finanzsenator ging es nach Pankow zur früheren Garbáty-Zigarettenfabrik. Dort sollte die Hochschule ihr neues Domizil bekommen. Das können sie vergessen, das ist zu teuer, soll Sarrazin gesagt haben. Und mit der Aufforderung, nach einem anderen Standort zu suchen, war die Dienstfahrt beendet und die Hoffnung begraben.

Die Angst vor einer erneuten Enttäuschung ist greifbar. Den Kollegen und den Studenten kurz vor Weihnachten erklären zu müssen, dass der kreative und medienwirksame Protest im Mai dieses Jahres nichts genutzt hat, das möchte er sich gern ersparen. „Seit 2005 führen wir hier nur die allernötigsten Reparaturen durch, wir sparen das Geld für den Umzug“, sagt Engler. Er erzählt, wie „bestürzt“ Vertreter von Partnerschulen sind, wenn sie hier vorbeikommen. Das Renommee der Busch-Hochschule steht in einem krassen Missverhältnis zum Zustand der Räumlichkeiten. Es gibt immer wieder Havarien, in den Studios, dort findet unter anderem die Sprechausbildung statt, wellt sich der Fußbodenbelag, die Toiletten im Foyer riechen so streng wie die an der Staatsoper vor der Sanierung.

Ein bitterer Beschluss

Es ist nicht viel los an diesem Spätnachmittag in Schöneweide. Gehen die Studenten zur S-Bahn, kommen sie an der Kneipe „Zum Schleifer“ vorbei. Drinnen sitzen ein paar ältere Männer vor ihrem Pils. Direkt vor der Hochschule liegt eine Bushaltestelle, daneben steht der Busch-Schaukasten. Es gibt zwei Mitteilungen von der Studentenbewegung „Der Bau“, das ist die Gruppe, die im Mai für die Chausseestraße demonstriert hat und bundesweit Aufsehen erregte. In der einen feiern sie sich selbst, schreiben, dass „öffentlicher und künstlerisch verstandener Widerstand gegen politischen Wortbruch … wirksam ist“. In der anderen wird der „erneute Rückschlag durch die Berliner Politik“ im November 2012 bedauert.

Kaum einer der Studenten wohnt hier in der Nähe, alle fahren raus. Und das wollen sie zumindest ihren Nachfolgern ersparen, denn die Aktivisten profitieren selbst nicht mehr von dem Neubau auf dem früheren Gelände der Opernwerkstätten in Mitte. Um dort nicht nur einen Zentral-, sondern auch einen zentralen Standort zu beziehen, gab sich die Hochschule sehr kompromissbereit. Das überzeugte schließlich die SPD-Politiker des Abgeordnetenhauses. Zumindest dachten das alle. Bis vor vier Wochen.

Da wollte der Hauptausschuss den Neubauplänen Chausseestraße zustimmen, aber er verschob die Entscheidung überraschend auf den 12. Dezember. Obwohl das vom Ausschuss gewünschte Senatsgutachten vorgelegen hatte. Darin werden drei Varianten verglichen (Neubau irgendwo, Sanierung aller vier Standorte, Chausseestraße) und die Mitte-Planung favorisiert: Die sei am schnellsten zu realisieren und am kostengünstigsten. Ein Architekturentwurf liegt vor, der hatte beim Wettbewerb der Senatsbauverwaltung den ersten Preis geholt, und die Hochschule hatte zugestimmt, dass die Baukosten auf 33 Millionen Euro gedeckelt werden. Eine mutige Zusage angesichts der Schwierigkeiten, die das Bauen in Berlin so mitbringt.

Noch so eine Bau-Posse

Aber diese Festlegung auf eine Höchstsumme war der Preis, den die Hochschule für den Wunschstandort zu zahlen bereit war – und ist. Um den Finanzrahmen zu halten, wurde die Mensa gestrichen. Die kommt jetzt doch, weil sich die Bau-Posse bis zum Bund herumgesprochen hatte. Der stellt jetzt dafür 850.000 Euro bereit. Peinlich für Berlin (nach Staatsopern-Sanierung und Flughafen aus Sicht des Bundes wieder so ein Projekt, mit dem die Stadt nicht klarkommt), aber gut für die Studenten.

Vorausgesetzt, der Hauptausschuss stimmt so ab, wie es eigentlich vereinbart war. Zumindest aus Sicht der Hochschule. Engler hatte im Mai ein Spitzengespräch im Abgeordnetenhaus. Er spricht von einem „Abkommen mit der SPD“, die als einzige Partei im Parlament irgendwie gegen Busch ist. Warum, das kann niemand so richtig erklären. Ist den Sozialdemokraten der Laden zu elitär? Die staatliche Schauspielschule, die auch Regisseure und Puppenspieler ausbildet, hat einen hervorragenden Ruf, ein strenges Auswahlverfahren und gut 200 Studenten, die Hälfte davon ist in Schöneweide, um Schauspieler zu werden. Die Ausbildung gilt als hart, die Berufsaussichten sind hervorragend. „Die Vermittlungsquote liegt fast bei 100 Prozent“, sagt Engler.

Im Foyer hängen Porträts der Absolventen des letzten Jahrgangs. Die roten und schwarzen Sofas sind verwaist, zwischen den Sitzgruppen steht ein Weihnachtsbaum. Ein Geschenk fehlt: das Votum für die Chausseestraße.