Fernsehen

TV-Dokumentation: Wie Merkel ziellos durch Berlin irrte

Am Anfang steht ein schwarzes Loch im Protokoll. Die Kanzlerin irrt durch Berlin, „ziellos“, wie es heißt. Eigentlich hat sie einen Routinetermin mit den Kultusministern der Länder an jenem 26. Oktober 2011, kurz vor einem wieder einmal alles entscheidenden Krisengipfel der Euro-Staaten.

Aber dann stoppt der schwarze Tross ihrer schweren Limousinen für Minuten auf freier Strecke, wenige Hundert Meter vor dem Empfangskomitee. Schließlich rauscht sie an den wartenden Journalisten vorbei. Man sieht nur Merkel telefonieren hinter getönten Panzergläsern. In voller Fahrt kreuzt die Limousine mit der telefonierenden Kanzlerin durch Berlin, über eine Stunde. Was war geschehen? Was macht Merkel? Merkel verschiebt schließlich in letzter Minute einen ganzen EU-Gipfel, per Telefon aus dem Dienstwagen. Das macht Merkel. Alltag einer Krisenkanzlerin.

Es sind dicht aufbereitete Szenen wie diese, die die ARD-Dokumentation „Was macht Merkel? Die Kanzlerin in der Eurokrise“ (ARD, Montag 22.45) von Stephan Lamby und Michael Wech zur Rolle der Bundeskanzlerin in den Wirren der Euro-Krise spannend machen. Die Krise, so wird aus der sorgfältig illustrierten Chronologie schnell deutlich, ist ein vielköpfiges Monster, dass bald jeden Tag ein anderes Haupt erhebt.

Einmal kollabieren die Finanzmärkte, dann rotten sich die Schuldnerstaaten des Südens zur Kabale gegen die „Eiserne Kanzlerin“ zusammen, ein andermal muss Bankenverbandspräsident Josef Ackermann nachts um vier aus dem Bett telefoniert werden, damit der private Schuldenschnitt in Sack und Tüten kommt. Dann wieder soll dem griechischen Regierungschef Papandreou binnen Stunden die Idee einer Volksabstimmung über die Sparauflagen ausgeredet werden – ein Grieche im Schwitzkasten von Merkel und Sarkozy. Das darf man ruhig im wörtlichen Sinne verstehen.

Als Zeuge für die Härte der Auseinandersetzungen dient im Fall des privaten Schuldenschnitts Jean-Claude Juncker, Regierungschef von Luxemburg. „50 Prozent oder gar nichts“ sei die Ansage an die Banken gewesen, sagt er. Der damalige Staatssekretär im Finanzministerium, Jörg Asmussen, spricht von der „Pistole“, die „gezeigt“ worden sei, nicht nur Bankern.

Da begreift man schnell, wie Merkel zum Nimbus der „Eisernen Kanzlerin“ gekommen ist. Als ausgesprochener Merkel-Versteher zeigt sich übrigens SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in der Dokumentation: „Sie stehen vor einer sich unfassbar dramatisch zuspitzenden Situation. Dass Sie da Wirkung zeigen, ist nicht weiter erstaunlich. Insofern gilt in der Situation mein absolutes Mitgefühl der Bundeskanzlerin.“ Wie viel von diesem Mitgefühl im kommenden Bundestagswahljahr noch übrig bleibt, wird man sehen.