Kunstsache

Das Bernsteinzimmer in Mitte

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Vierhundert Meter lang ist die Schröderstraße in Mitte. Für Berliner Verhältnisse geradezu privat, hier kennen sich viele Nachbarn, die vier Galeristen ohnehin. Emma, meine Freundin, drückt sich fast die Nase platt an der Scheibe bei Semjon Contemporary. In der Galerie leuchtet es warm und gülden, ein seltsamer Widerschein fällt nach draußen. Und schon stehen wir mittendrin im Berliner Bernsteinzimmer.

Wir müssen das nun erklären: Der Künstler Henrik U. Müller arbeitet viel mit Gold, irgendwann fiel bei all dem Glanz das Wort „Bernstein“. So war die Idee geboren. Das Bernsteinzimmer ist ein Mythos, gilt als „achtes Weltwunder“. Eine böse Geschichte. Die Nazis beschlagnahmten es, viele suchten danach, gefunden wurde es bis heute nicht. Ursprünglich hat es Friedrich I. für Schloss Charlottenburg in Auftrag gegeben. Nun funkeln zehn große und kleine Tableaus an den Galeriewänden, zusammengesetzt aus schmalen Holzkacheln, die mit Blattgold überzogen sind. Die feinen, perlmuttartigen Blüten wirken wie Intarsien, sind allerdings als hauchzarte Folie eingearbeitet. Auf Umwegen fand Müller zu seiner Kunst. Krankheitshalber musste er die Radiologie aufgeben, und so kam er vom Röntgenbild zur experimentellen Fotografie. Emma findet das verblüffend, denn die Bernstein-Bilder haben eine seltsame Tiefenschichtung, halt wie beim medizinischen Schichtenverfahren.

Müller ist bei H.N. Semjon bestens aufgehoben. Der Mann, einst Meisterschüler bei Baselitz, ist ein alter Hase. Nicht nur hier in Mitte, wo er schon den „Kioskshop“ führte, in dem er skurrile Salonausstellungen eröffnete. Er hat einen Sinn für allerlei tolle Wandlungen. Eigentlich ist er Künstler, doch „gerade hat er sich damit an den Nagel gehängt“. Temporär, versteht sich, bis die Galerie sich trägt. (Schröderstr. 1, Di.–Sa. 13–19 Uhr. Bis 12.1.)

Nach dem Bernsteinzimmer führt unser Weg direkt zu Robert Walser. In der Galerie Zink erwacht der Schweizer Schriftsteller wieder zum Leben. Er selbst nahm vom Leben Abschied, als er mit dem Schreiben aufhörte. 28 Jahre verbrachte er in der Psychiatrie, 24 Jahre schrieb er nicht mehr, klebte nur noch Papiersäcke zusammen. An einem der Weihnachtstage 1956 ging er in den Schnee und kehrte nicht mehr zurück.

Seine Schrift „Der Spaziergang“, erschienen 1917, ist einer der schönsten Prosatexte, heute leider vergessen. Walser schreibt sich träumend durch Stadt und Landschaft. Vier Künstler der Galerie ließen sich von dem Büchlein inspirieren, – und alle Arbeiten haben mit viel Papier zu tun. Natalie Czech, die clevere Jongleurin der Buchstaben, ist die radikalste.

Auf dem Boden liegt ein heftig zerknüllter Zettel, vier Zeilen stehen darauf, ein bekanntes Zitat von Ingeborg Bachmann: „Adieu, ihr schönen Worte, mit Euren Verheißungen. Warum habt Ihr mich verlassen, war Euch nicht wohl?“ An der Wand hängt ein gerahmtes, weißes handgeschöpftes Blatt, dick wie Filz. Es besteht aus geschreddertem Papier der Ausgaben deutschsprachiger Titel Walsers. Winzige Buchstaben, kaum sichtbar, tänzeln auf der porösen Oberfläche. Eine Lupe wäre gut. Emma war jedenfalls plötzlich weg, sie wollte den „Spaziergang“ lieber selber lesen.

(Linienstr. 23, Di.–Sa. 11–18 Uhr. Bis 5. Januar)