Theater

Im Gruselkabinett

Die hohe Kunst der Alchemie: In E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen „Der Sandmann“ in der Volksbühne wird am neuen Menschen gebastelt

„Der Mensch ist ein Kunstwerk.“ Klingt gut, könnte man so stehen lassen, diesen Satz. Wäre der, der ihn hier ausspricht, nicht der Direktor einer Fabrik, in der grobschlächtige Gehilfen in Aquarien mit menschlichen Ersatzteilen wühlen. Wo Männer mit bodenlangen Plastikschürzen blutrote Flüssigkeiten in Reagenzgläsern schütteln. Ein Größenwahnsinniger ist dieser bucklige kleine Fabrikdirektor im gestreiften Zwirn, für den das menschliche Wesen nur dann ein Kunstwerk ist, wenn es künstlich hergestellt wurde.

Sie heißen Golem, Android, Automat oder Roboter, welchen Namen auch immer die künstlichen Kreaturen in den verschiedenen Jahrhunderten gerade trugen. Wir befinden uns im 19. Jahrhundert, ungefähr in jener Zeit also, in der auch Goethe in „Faust II“ den Famulus Wagner an einem menschenähnlichen Homunkulus herumdoktern lässt. Die Zeiten sind vorbei, in denen dazu noch göttliche Hilfe vonnöten war oder in denen man sich mit mechanischen Modellen zufriedengab, stattdessen setzte man auf die hohe Kunst der Alchemie. Sie steht auch im Zentrum von E.T.A. Hoffmanns romantischem Schauermärchen „Der Sandmann“, das wiederum Namensgeber für die aktuelle Premiere an der Berliner Volksbühne war. Was genaugenommen nicht ganz korrekt ist, denn einerseits sind von dem Ursprungstext nur noch Fragmente vorhanden, und andererseits kommt hier ja noch der eingangs beschriebene Fabrikdirektor ins Spiel, der einer Erzählung von Oskar Panizza namens „Die Menschenfabrik“ entstammt. Volksbühnen-Chefdramaturg Thomas Martin hat die beiden Texte zusammengepuzzelt, und diese Grusel-Kombi historischer Reproduktionsmythologien funktioniert auf rein textlicher Ebene tatsächlich erst mal ganz gut. Beide Autoren waren Außenseiter ihrer Zeit, schräge Vögel. Hoffmann ein Jurist und Fantast, der andere, Panizza, ein ehemaliger Irrenarzt, der schließlich selbst in der Psychiatrie landete. Kein Wunder also, dass in beiden Erzählungen die Grenzen von Wahn und Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen.

Ein diabolisches Werk

Die Geschichte dazu, wie sie sich dem Zuschauer in einer Mischung aus szenischem Spiel und Filmsequenzen präsentiert, geht so: Der junge Student Nathanael schleppt ein böses Jugendtrauma mit sich herum, weil er glaubt, dass sein Vater bei alchemistischen Experimenten, die er zusammen mit einem gewissen Coppelius unternahm, ums Leben kam. Während seines Studiums meint er, diesem Coppelius unter dem Namen Coppola erneut begegnet zu sein, und gerät fortan in einen mysteriösen Grusel-Strudel, bei dem der Gelehrte Spalanzani, „Spezialgebiet künstliche Befruchtung“, und vor allem dessen vermeintliche Tochter Olimpia ihm vollends die Sinne verwirren. Nathanael nämlich verliebt sich in Olimpia, die in Wahrheit nur die artifizielle Reproduktion einer perfekten Frau ist, ein diabolisches Werk von Coppola und Spalanzani. All diese Figuren nun treiben gleichzeitig ihr Unwesen auch in jener Menschenfabrik von Oskar Panizza.

Der junge Regisseur Sebastian Klink, der erstmals im großen Saal der Volksbühne inszeniert, hat hier also allerlei lose Enden zusammenzuzwirbeln versucht. Es gelingt ihm leider kaum, dabei sieht es durchaus so aus, als hätte er so etwas wie einen Schaltplan gehabt: Da ist zum Beispiel das Motiv der übergroßen Augen, die als Sinnbild für die Verzerrung von Realitäten schon zum Vorstellungsbeginn unheimlich auf dem Vorhang flackern und auch später wieder auftauchen, zuletzt in Form zweier weißlich-glibberiger Kugeln, die achtlos auf dem Boden landen. Immer wieder aber verunglücken die Verknüpfungen der einzelnen Motive, und es kommt zu allerlei dramaturgischen Kurzschlüssen. Das Ganze hätte durchaus ein in die Gegenwart weisender, Klonschaf Dolly und Co. zuzwinkernder, absurder Theaterabend werden können, ist dafür aber viel zu hektisch und zu überdreht. Maximilian Brauer agiert als wahnhafter Nathanael zeitweise so, als hätte er einen Herzschrittmacher mit Starkstrom intus, der seinen Blick erstarren und seine Sprache schlingern lässt, Franziska Junges Olimpia immerhin singt sehr schön ein Lied aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach. Ansonsten wird viel gerannt und gepoltert und viel Nebel gibt es auch. Und zu allem Überfluss ist sogar noch Charles Bukowski mit von der Partie. Auszüge aus seiner „Fuck Machine“ sollen aufzeigen, wozu künstliche Menschen noch so taugen könnten. Frank Büttners Spalanzani sieht aus wie Frankenstein persönlich und Axel Wandtke in der Rolle des Erzählers so, als sei E.T.A. Hoffmann eine Dose Haarspray auf dem Haupt explodiert.

Spaß immerhin macht die Drehbühne von Thomas Schuster, die vorderseitig den Blick auf einen verwitterten Hinterhof freigibt und auf der Rückseite hinter haushohen, verstaubten Fensterfronten eine Art Gewächshaus bereithält. Dazwischen eröffnet sich keilförmig eine weitere Spielfläche, die dem Fabrikdirektor in Personalunion mit Coppelius (Kathrin Wehlisch) Bühne für ein Androiden-Ballett ist. Unter weißen Plastikplanen stehen seine Geschöpfe auf rollbaren Podesten und folgen im Rudel allein seinen Befehlen. Bei ihm sieht das aus wie eine letzte Qualitätskontrolle, um unschöne Programmierfehler auszuschließen. Der Abend selbst hatte davon leider einige.

Wieder am Sonntag, 16.12. um 18.00 Uhr, Volksbühne, Kartentel. 24 06 57 77