Galerien

„Berlin hat seine Identität gefunden“

Nach 25 erfolgreichen Jahren kehrt Galerist Michael Kewenig Köln den Rücken und startet in Mitte neu. Warum tut er sich das an?

Der Schreibtisch von Michael Kewenig steht auf sandfarbenem Fliesenboden. Von seinem Platz aus blickt der Galerist auf eine schwere Stahltür. Der Architekt, der diese Räume um 1900 entwarf, hat wohl nicht gerade an Meisterwerke der Arte Povera gedacht. Geplant und genutzt wurde der klassizistische Bau an der Wilhemshavener Straße in Berlin-Moabit als Umspannwerk. Noch heute gehört das Haus dem Vattenfall-Konzern, doch nun hat Kewenig den Leerstand für seine Galeriezentrale angemietet. Vor dem Büro, in der großen Halle des Umspannwerks, die allein wohl 200 Quadratmeter misst, ist noch eine Iglu-Skulptur des italienischen Künstlers aufgestellt. In eine Ecke „ein paar Tonnen“ Jannis-Kounellis-Skulpturen. In Kisten. Kaum einen Monat ist es her, dass Kewenig Mantel, Schieferplatte, Iglu und die Tonnen Kounellis eingepackt und seine Galerie in Köln für immer zugesperrt hat.

„Ich fand die Stadt vorlaut“

Warum macht einer so was? Warum macht sich einer nach zweieinhalb glücklichen Jahrzehnten im Rheinland plötzlich auf, in einer fremden Stadt neu zu starten? „Berlin ist immerhin eine Stadt“, antwortet Kewenig. „Köln ist keine Stadt, sondern ein großes Dorf.“ Der Galerist hat es sich mit dem Umzug nicht leicht gemacht. „Meine Frau Jule, die mit mir die Galerie leitet, stammt aus Berlin“, sagt Kewenig. „Ich war aber immer skeptisch. Ich fand diese Stadt proletarisch und vorlaut. Mittlerweile habe ich jedoch das Gefühl, dass Berlin seine oszillierende Phase hinter sich hat und seine eigene Identität entwickelt. Die Identität einer wirklichen Metropole.“ Zehn Jahre hätten sie nach einem Ort in Berlin gesucht, erzählt Kewenig. Fündig wurden sie in der Brüderstraße, kurz hinter der Stadtschlossbaustelle, wo sie jetzt das Palais Happe, das zweitälteste Bürgerhaus Berlins, zu einem Galeriehaus umsanieren. Im kommenden Frühjahr soll die erste Ausstellung eröffnen. Das Umspannwerk in Moabit mit seinen weitverzweigten Räumen dient den Kewenigs lediglich als Schaulager.

Die Geschichte der Kewenig Galerie füllt mittlerweile mehr als einen Wälzer: Im Berliner Büro liegt auf einem Tisch das allererste Gästebuch, das von den Anfängen erzählt – draußen im barocken Herrenhaus in Frechen, vor den Toren von Köln. Das Gästebuch zeigt auf der ersten Seite ein Foto, wie der Maler Hendrik Krawen, der 1986 die Einweihungsausstellung bekam, auf einer Mauer balanciert. Darunter klebt ein Zeitungsartikel des „Kölner Stadtanzeigers“, der darüber räsoniert, dass die Schwielen an Michael Kewenigs Händen nicht recht zu einem Rechtsanwalt passen wollen. Denn Jurist war er damals. Genauer: Konkursverwalter. Das Herrenhaus auf dem Land kaufte er, damit Jule Kewenig eine Galerie eröffnen konnte. „Meine Frau war es, die den Kunsthintergrund hatte. Sie kam aus dem Umfeld der Galerie Michael Werner“, sagt Kewenig. „Ich dachte, ich helfe am Anfang ein bisschen bei der Verwaltung und arbeite dann wieder als Anwalt.“ Doch dann packte ihn die Lust, auch programmatisch in der Galerie mitzuarbeiten.

Das Herrenhaus in Frechen mit seinem Wassergraben sei eine Insel für die Kunst gewesen, erzählt Kewenig. „Das war bei uns ja keine planvolle Eröffnung einer Galerie“, erklärt Kewenig. „Wir mussten uns zwischen den Stühlen bewegen, und die Stühle waren heiß umworben.“ Das etwas abseits gelegene Herrenhaus sei da auch ein Vorteil gewesen. „Es geht gut, wenn man sich mit den Kollegen verständigt“, sagt Kewenig. „Ich glaube allerdings auch nicht, dass ein Künstler Eigentum einer Galerie ist. Ein Galerist muss sich jeden Tag als geeigneter Kandidat bewähren.“

Hier bewege sich die Herde noch

Den Test sucht Kewenig also nun in Berlin, wo auch die Galerien Fischer und Werner bereits mit ihren Dependancen angekommen sind. Und das alles in einer Zeit, in der die hauptstädtische Kunstlandschaft anscheinend immer noch von einem streitvollen Selbstfindungsprozess beherrscht wird: die nichtkommerzielle Kunstszene gegen die kommerzielle, die Galerien gelegentlich untereinander.

Reiche Sammler kennt Berlin so gut wie gar nicht. „Ich weiß nicht“, sagt Kewenig, „ist das wirklich so?“ Und wenn, sei es im Rheinland doch nicht anders. „Die großen rheinischen Sammler, wie es sie früher gab – einen Ludwig, einen Brandhorst – wo gibt es sie denn noch?“, fragt Kewenig. „Sie sind gestorben oder haben ihre Sammlungen platziert. Sie tauschen vielleicht noch Werke, aber kaufen nicht mehr.“

In Berlin bewege sich die Herde noch, sagt der Galerist. Das sei doch der Grund, gerade jetzt hierher zu kommen. Neue Künstler zeigen. Vielleicht den Sohn, einen Filmregisseur, ins Geschäft holen. Es gebe viele Pläne. Kewenig steht auf, jetzt voller Tatendrang, schüttelt die Hand zum Abschied. „Wissen Sie, eine Galerie muss sich immer wieder verändern“, sagt er beim Hinausgehen. „Kein Künstler will in einem Mausoleum ausstellen.“