Musik

Ein Abgesang auf Schnulzen

39 Mal Platin beim Debüt: Nun kommt das zweite Album von Bruno Mars

Die Sonnenbrille bleibt auf. Bruno Mars ist vernarrt in dieses Teil, das er in einem Second-Hand-Brillenladen in Los Angeles entdeckt hat, und durch das er sein Gegenüber nun – mutmaßlich – auf dem Sofa eines Berliner Nobelhotels sitzend anschaut. „Die Brille ist lässig, heiß, schneidig und irgendwo auch retro. Ich finde sie wundervoll. Sie entspricht meinem Wesen.“

Vor allem entspricht das gute Stück, so wie Mars es beschreibt, auch seiner Musik. Er macht kommerzielle Popmusik, aber er verkneift sich das unter seinen Kolleginnen wie Rihanna oder Ke$ha so dominierende Beatgewitter und setzt ganz auf die Kraft seiner Melodien. „Ich liebe Songs mit großen, mächtigen Refrains“, sagt er. „Ich liebe Hymnen. Am liebsten höre ich die größten Songs, die je geschrieben wurden. Queen oder die Beatles haben herausragende Musik gemacht. Da will auch ich hin. Es geht mir nicht darum, die coolste Musik der Welt zu machen. Sondern Songs, die Erhabenheit und Wucht haben.“

2011 erhielt einen Grammy

„Unorthodox Jukebox“ ist nicht gerade der unkomplizierteste Titel für ein Popalbum, er dürfte selbst Muttersprachlern nicht leicht über die Lippen gehen. Aber wer einen solch durchschlagenden und noch dazu weltweiten Erfolg hat wie Bruno Mars mit seinem ersten Album – dessen Name „Doo-Wops & Hooligans“ ebenfalls in Richtung Zungenbrecher geht – der muss sich nichts mehr vorschreiben lassen. Sein Album-Debüt schaffte weltweit 39 Mal Platin, 2011 erhielt einen Grammy. Das war schon ein ziemlich sensationeller Erfolg.

Nun also sein zweiter Streich. „Auf der neuen Platte erlaube ich mir, voll und ganz ich selbst zu sein“, sagt Mars, der vor wenigen Wochen seinen 27. Geburtstag feierte und noch nie ein Problem mit seinem Selbstbewusstsein als Musiker hatte. „Gerade diese Kompromisslosigkeit halte ich für sehr wichtig, wenn man als Künstler nicht nur bestehen, sondern auch wachsen will. Alles, was du auf diesem Album hörst, das bin wirklich ich. Die neuen Stücke dokumentieren meine Freiheit, meine Verwegenheit.“ Der Titel beziehe sich auf die Hürden, die er als junger Nachwuchskünstler in LA in den Weg gestellt bekam. „Die Musikmanager sagten mir immer, meine Musik sei nicht orthodox genug, sie ließe sich nicht vermarkten. Ich empfand diese Haltung als demütigend.“

Zehn Songs hat Bruno Mars auf „Unorthodox Jukebox“ versammelt, und es fällt zunächst einmal auf, dass sie eindringlicher, ruhiger klingen als jene des zwei Jahre alten Debütalbums. Produziert hat er mit seinem Team The Smeezingtons zunächst selbst, sich aber auch Hilfe von Cracks wie Mark Ronson (dem Produzenten von Amy Winehouse‘ „Back to Black“-Album) oder Jeff Bhasker geholt. Das funkige und ganz schön unverwandt bei „Message in a Bottle“ und „Roxanne“ von The Police abgeschaute „Locked out of Heaven“ ist als erste Single ja bereits wohlbekannt und noch eine der schnellsten Nummern. „Gorilla“ kommt mit deutlich langsamerem Tempo daher, gleichwohl ist es ein wundervoll intensiver, tiefer Song übers, genau, Liebe machen wie die Tiere, in diesem Fall eben wie die Gorillas. Der Text ist nicht unbedingt kindgerecht, auch bringt Mars mal lässig Kraftausdrücke wie „motherfucker“ unter, was ihm in den USA Probleme bereiten wird. „Ich kann mein Schaffen nicht verwässern und verdünnen, bis dass es auch der Letzte nicht mehr anstößig findet. Ich habe auch keine Lust, Rücksicht aufs Radio zu nehmen. Hey, wozu soll ich Kompromisse machen? Ich würde mich schämen, wenn ich es täte.“

Er wolle deutlich machen, so Mars, dass er nicht dieser harmlose Interpret kitschiger Popschnulzen ist, für den ihn manch einer nach der ersten Platte und romantisch-leichten Superhits wie „Grenade“ oder „Just the Way you are“ gehalten hat. „Ich bin erwachsener geworden“, so Bruno. Und überdies: „Es gibt beim Musikmachen, genau wie beim Sex, keine Regeln. Alles ist erlaubt, was Spaß macht.“

Als Peter Gene Hernandez kam er auf Hawaii zur Welt, machte dort schon früh als kleiner Elvis- und Michael-Jackson-Doppelgänger von sich reden. Bereits als Vierjähriger sang er in der Band seines Onkels, die vor allem in Touristenhotels auftrat. Mit 18 zog er dann nach Los Angeles und arbeitete dort zunächst als Songschreiber, schließlich durfte er selbst ans Mikrofon. Auf „Unorthodox Jukebox“ liebäugelt Mars stilistisch denn auch stark mit den Achtziger Jahren. „When I was your man“, eine traurige Klavierballade, könnte auch einem Elton John gut zu Gesicht stehen, das hymnische „Young Girls“ lehnt sich an den Powerrock der damaligen Zeit an. „Moonshine“ schließlich verbeugt sich mit den vielen Synthies und der souligen Luftigkeit schließlich besonders klar vor Brunos größtem Idol Michael Jackson. „Das sind meine Einflüsse, ich kann mich ihnen einfach nicht entziehen. Nimm „Purple Rain“ von Prince – ein perfekteres Album gibt es kaum. „Thriller“ von Michael Jackson: Neun Songs, jeder ist ein Klassiker. Das sind kurze, punktgenaue Alben ohne jegliches Fett, ohne Überflüssiges. Außerdem: Wenn du die Leute mit zehn Songs nichts eroberst, wirst du sie auch mit 17 Songs nicht kriegen.