Klassik-Kritik

Musikalische Kreuzfahrt

Christian Thielemann als Verdi-Interpret am Pult der Philharmoniker

Den Monat Dezember kann man gut und gern einen philharmonischen Thielemann-Monat nennen: eine vorweggenommene Weihnachtsfreude. Er begann sie mit einem kompletten Verdi-Programm, wie man es von ihm, dem Herrn über Bayreuth, assistiert dabei vom vorzüglich durch Michael Gläser vorbereiteten Rundfunkchor, am wenigsten hatte erwarten dürfen. Diese Erwartung wurde glänzend belohnt. Sie triumphierte mit Überraschungen.

Verdi hatte sich ja nie als Konzert-Komponist besonders ausgezeichnet und noch weniger als musizierender Gläubiger. Er war nun einmal für die Bühne geboren, und das reichte ihm und seinen Bewunderern aus. Selbst das groß angelegte „Requiem“ entriss er sofort aus der vorgeblichen Trauerruhe um Alessandro Manzoni und verplante es für eine Tournee nach Paris, wo er es ausgerechnet in der Opéra- Comique sieben Mal hintereinanderweg , geradezu als Suite, aufführen ließ. Er selbst stand dabei am Pult. Mit den „Vier geistlichen Stücken“, die Thielemann an den Anfang seines philharmonischen Programms stellte, stand es anders.

Nach längerem Zögern bewilligte Verdi die Aufführung, mit Ausnahme des ersten der vier Stücke, des kleinen, nur fünfminütigen „Ave Maria“. Es wurde erst später als Eingangsstück von fremder Hand den „Quattro pezzi sacri“ zugeschlagen – und dabei blieb es. Die anderen drei Stücke schwingen weiter aus, bis auf die „Laudi“, die es kurz und knapp auch nur auf sechs Minuten Spieldauer bringen.

Den großen frommen Bogen des ziemlich ungläubigen Meisters schlagen das „Stabat mater“ und das beschließende „Te Deum“, von der Jubelstimme Sibylla Rubens’ bekrönt. Verdi selbst war übrigens bereits 1886 einer Freimaurerloge beigetreten. Seine Distanz zur Gläubigkeit hatte sich deutlich vergrössert.

Den zweiten Teil des entdeckungsfreudigen Abends bildete eine musikalische Kreuzfahrt durch die Ballettmusiken des Meisters, gewissermaßen mit Christian Thielemann als Nurejew am Pult: Er erwies sich als begnadeter Vortänzer. Ihn zu sehen, war allein schon ein großes zusätzliches Vergnügen. Bei all diesen Balletten handelte sich durch das Kommando der Pariser Oper um Einlagen für das berühmte Ballettensemble des Hauses.

Demzufolge wurde in „Macbeth“, in „Don Carlos“, in „Otello“ auch nicht zu knapp getanzt. Wollte Verdi in der Grand’Opéra aufgeführt werden, so musste er zusätzliche Tanznoten liefern. Kein leichtes Geschäft.

Doch Thielemann brachte selbst den erzwungenen Verdi, aufs virtuoseste unterstützt von den philharmonischen Solisten, vor allem in der „Don Carlos“-Musik, zum schier bravourösen, feinst ziselierten Erklingen. Beifall en masse.