Extra: 100 Jahre Nofretete

Königin als Geschenk

Ohne den Mäzen James Simon wäre die Berliner Museumsinsel um Vieles ärmer

Ein Mann am Schreibtisch, das Gesicht im Profil schaut er aus dem Fenster. An der Wand hinter ihm eine Fülle von kleinen Gemälden, offenbar aus der Renaissance. In der Ecke eine schlanke Madonnenskulptur. Die rubinroten Vorhänge sind aufgezogen. Vor ihm auf dem Schreibtisch der "Grüne Kopf", ein faszinierendes Porträt, zu dessen Erwerb für die Königlichen Museen James Simon beigetragen hat. Zwölf Jahre später wird hier die weltbekannte "bunte Büste" stehen, Nofretete, die Königin vom Nil. James Simon, der Mann auf dem Bild, hat die Ausgrabungen in Mittelägypten bezahlt, bei der sie entdeckt wurde. 1913, nach der Fundteilung, ist sie sein Eigentum. Als das Bild 1901 entsteht, ist er gerade 50 geworden. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Schon bald wird Simon der siebtreichste Mann in Berlin sein. Seit 1886 wohnt er in einer Villa am Tiergarten und ist mit Agnes Reichenheim, einer Frau aus den besten jüdischen Kreisen, verheiratet. Seit einigen Jahren sammelt James Simon Kunst, hat manches davon bereits den Königlichen Museen geschenkt. 1883 hat er Wilhelm von Bode kennengelernt, den späteren Generaldirektor der Königlichen Museen Berlin, der ihn beim Kauf berät. Schon bald ist James Simon ein kenntnisreicher und engagierter Förderer der Museumsinsel, schenkt bis 1923 hunderte von Kunstwerken, eine unglaubliche Anzahl, die mehrere Millionen Mark wert sind. Und das alles, ohne Dankbarkeit oder irgendwelche Ehrentitel zu erwarten.

Eigentlich wollte James Simon Altertumswissenschaften studieren. Latein, Griechisch und Hebräisch faszinieren ihn, die Welt des Mittelmeerraumes, untergegangene Reiche. Aber als einziger Sohn von Isaak Simon muss er, der 1851 geborene Stammhalter, in den Familienbetrieb einsteigen und Kaufmann lernen. Schon James' Vater und sein Onkel haben gelegentlich Ausgrabungen im Orient unterstützt sowie Ankäufe von Objekten aus dieser Region. James tritt in ihre Fußstapfen, aber in ganz anderen Größenordnungen. 1901 schenkt er 27 Objekte an das Ägyptische Museum. Aber er belässt es nicht bei einzelnen Objekten. 1898 gründet er mit Gleichgesinnten die Deutsche Orient-Gesellschaft (DOG). Diese wird 1904 die größte Grabungsgesellschaft der Welt sein. James Simon hat, ähnlich wie Bode, das Ziel, die Museumsinsel zu dem zu machen, was Louvre und British Museum zu dieser Zeit schon sind: Museen von Weltrang. Und als liberaler Preuße und Jude will er von dem Reichtum, der ihm zugeflossen ist, zurückgeben und dazu beitragen, dass Berlin eine glanzvolle Hauptstadt wird. Aber das ist nur eine Seite seiner grenzenlosen Großzügigkeit. Neben den mäzenatischen Aktivitäten für die Berliner Museen engagiert sich James Simon auch im sozialen Bereich.

Doch zurück zu 1901. Noch in anderer Hinsicht ist es ein besonderes Jahr: James Simon lernt Kaiser Wilhelm II. kennen. Beide verbindet besonders das Interesse an den Kulturen im Mittelmeerraum. Während der Kaiser zu Orientreisen ins osmanische Reich aufbrach, um es Deutschland machtpolitisch an die Seite zu holen, lässt James Simon mit der DOG Babylon und damit die Heimat Abrahams ausgraben. Höhepunkt des Engagements von James Simon aber waren die Ausgrabungen in Amarna, Echnatons Königsstadt. Um die DOG von steuerlichen Belastungen zu befreien, entschied er sich, die Grabungskampagnen von Ludwig Borchardt selbst zu finanzieren. So wurde der Grabungskontrakt auf Simon ausgestellt. 1911 begann Borchardt in Amarna zu graben, entdeckte u.a. phantastische Köpfe aus der Familie des Echnaton und schließlich am 6. Dezember 1912 die bunte Büste von Nofretete.

Nachdem James Simon über den spektakulären Fund unterrichtet worden war - er konnte aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht in den Orient reisen - sagte er Borchardt 36.000 Mark zusätzlich zu, wenn das wunderbare Stück für Berlin erworben werden könne. Aber diesmal musste er nichts zahlen. Bei der Fundteilung wurde Nofretete den Deutschen und damit James Simon zugesprochen. Im Februar 1913 bringt James Sohn Heinrich Nofretete wahrscheinlich in einem speziellen Koffer mit nach Berlin. James ist glücklich. Wieder ist ihm etwas gelungen, was die Metropole an der Spree reicher machen wird. Schon bald kommt der Kaiser in die Villa der Simons, um die "bunte Königin" anzuschauen. Er ist begeistert. James Simon lässt von der Künstlerin Tina Haim zwei Kopien anfertigen. Eine schenkt er Wilhelm II. Sie begleitet ihn bis nach Doorn. Irgendwann steht Nofretete dann auf einem Kaminsims in der Villa von James Simon. Als die Funde aus Amarna 1913 in Berlin ausgestellt werden, ist sie nicht dabei. Borchardt hatte darum gebeten, sie geheim zu halten, um seine Grabungen weiter ungestört durchführen zu können. James Simon unterstützt ihn. Die politischen Verhältnisse in Ägypten sind zu jener Zeit schwierig.

1920 schenkt James Simon Nofretete dem Ägyptischen Museum. Die "bunte Büste" steht jahrelang im Zimmer des Direktors des Ägyptischen Museums Heinrich Schäfer - in einer Kiste. Erst 1924 wird sie das erste Mal im Neuen Museum ausgestellt. Eine Sensation. James Simons Traum ist Wirklichkeit geworden: Berlin ist jetzt neben Kairo das führende ägyptische Museum der Welt. Aber damit ist die Geschichte von Nofretete und James Simon noch nicht zu Ende. In den 20er-Jahren ging es in Berlin darum: Sollte Nofretete an Ägypten zurückgegeben werden - wie von dort gefordert - beziehungsweise gegen andere Kunstwerke eingetauscht werden - oder nicht. James Simon war für den Tausch. Aber die die Politik entschied anders. James Simon selbst begleitet Nofretete - die Kopie der "bunten Büste" - bis an sein Lebensende. Als es mit seiner Firma bergab geht, muss er seine Villa verkaufen und sich eine Wohnung nehmen. Nofretete ist dabei. Die Kopie von Nofretete ist bis auf den heutigen Tag im Besitz der Familie geblieben.

Seit 2009 steht Nofretete wieder im Neuen Museum, im Nordkuppelsaal. Ihr gegenüber, von den meisten Besuchern unbeachtet, ein kleiner Bronzekopf, ein älterer Mann mit Schnurrbart und einem leicht traurigen Lächeln: James Simon, der Mann der Nofretete verschenkte.

Carola Wedel ist ZDF-Redakteurin. Ihre Dokumentation über James Simon wird am 9. Dezember 2012 um 0.40 Uhr ausgestrahlt.