Operette

Und ewig tanzt die Csárdásfürstin

Das leichte Musiktheater lebt nicht nur in Berlin wieder auf – dank Emmerich Kálmáns Tochter Yvonne

Totgesagte tanzen am längsten. Das wird sich auch die gute alte, ebenso oft abgeschriebene wie wiederbelebte Tante Operette gesagt haben, die eben mal wieder eine kräftige Renaissance erlebt. Also schmeißt sie sich neuerlich in die Ballrobe, lüpft das Dekolleté, legt frischen Strass und Glamour auf, atmet tief durch und versammelt alle ewig jungen, melodisch einfach nicht umzubringenden Csárdásfürstinnen und Gräfin Maritzas, Zirkusprinzessinnen und Herzoginnen von Chicago, Faschingsfeen, Hollandweibchen, Bajaderen, Veilchen vom Montmartre und Arizona Ladys zum ewigen Dreivierteltaktreigen um sich: „Jaj, Mamam, Bruderherz, ich kauf’ mir die Welt!“

Es ist kein Zufall, dass all diese Damen Titelfiguren aus beinahe ungebrochen frohsinnigen Werken von Emmerich Kálmán (1882-1953) sind. Denn erstens scheint dieser ungarische Grandseigneur der silbernen Wiener Operettenära von der aktuellen Retrobewegung besonders zu profitieren. Und zweitens dient für die Generation der nun wieder auf unverfälschte Champagnerfrivolitäten und kabarettistische Ballsirenen-Zweideutigkeiten neugierig gewordenen Nachgeborenen niemand besser als Kronzeugin, ja fleischgewordene Operette als die Komponistentochter Yvonne. Sie, die vor allem das schrille, bunte, in Maßen elegante multikulturelle Berlin liebt, auch wenn sie für gewöhnlich weit weg davon, in Mexiko, Kalifornien und München, residiert, verkörpert die ganze Lebenslust und den unzerstörbaren Optimismus der Gattung. Und das, obwohl sie von den eher willkürlich angesetzten „150 Jahren Operette“, die beispielsweise die Deutsche Grammophon in den nächsten zwölf Monaten zu zelebrieren gedenkt, immerhin genau die Hälfte selbst miterlebt hat.

Yvonne Kálmán wirft die blonden Locken in Positur, klappert mit Ringen, die wohl auf Mutter Vera zurückgehen, den berüchtigten Prototypen aller lustig ihre Tantiemen verjubelnden Operettenkomponistenwitwen, und referiert ihre Termine: Die Komische Oper in Berlin wird zu Weihnachten Vatis „Bajadere“ halb nackt tanzen lassen, wenn auch nur semikonzertant. Zu Silvester, zur besten Klassiksendezeit, werden Christian Thielemann, die Dresdner Staatskapelle und die Weltvokalstars Diana Damrau und Piotr Beczala im ZDF Melodien von Papa den Deutschen ins geneigte Gehör träufeln, kurz danach natürlich auch auf CD und DVD verfügbar: „Jaj, Mamam, was liegt mir am lumpigen Geld!“

Netrebko als Operettenkönigin

Der polnische Schmachtetenor Beczala hat übrigens gerade einen Exklusivvertrag mit der Grammophon unterzeichnet, mit Schal und Monokel, im Teesalon der Wiener Staatsoper. Denn sein erstes Soloalbum wird eine Hommage auf Richard Tauber, selbstredend auch mit einer Portion Kálmán. So wie auch Anna Netrebko als Csárdásfürstin „Heja, in den Bergen ist mein Heimatland“ schmettert.

Das allein hätte ihr schon als Maßnahme für die immer noch sprudelnden Tantiemen die lebenslange Freundschaft der Tochter eingetragen. Aber die Damen sind auch sonst auf einer Temperamentlinie. Dass angeblich an einer Kinoneuverfilmung von Kálmáns berühmtester Operette gearbeitet wird – es wäre die sechste, womöglich mit Jonas Kaufmann und Netrebko in der Nachfolge von Liane Haid, Márta Eggerth, Marika Rökk und Anna Moffo –, darüber verweigert sie freilich jegliche Auskunft.

Dafür saß sie bollestolz bei der Berliner Pressekonferenz der Wannseefestspiele, die es nach wechselhaftem Opernertrag und einer Publikumsbefragung nächsten Sommer noch mal mit der „Csárdásfürstin“ wissen wollen, authentisch, wenn auch nicht taufrisch, als eingekaufte Produktion mit dem Budapester Operettentheater, das für gediegen sprudelnde Traditionspflege steht

„Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht, ob es morgen nicht schon zu spät!“ Papa Kálmán kannte durchaus auch die Melancholie, den unter Tränen lachenden Weltschmerz, in seinen Werken schimmert nicht selten die Brüchigkeit ihrer Zeit durch – das macht sie heute wieder so faszinierend. Yvonne Kálmán hat das in seiner Deutungswucht im Jahr 2000 bei der skandalösen Dresdner „Csárdásfürstin“ von Peter Konwitschny zu spüren bekommen, wo die bessere Gesellschaft sich auf den Kriegsschlachtfeldern wiederfand und ohne Kopf weitertanzte.

Als Kálmán-Kind hatte man es nicht leicht. Nach Vaters Tod traf man sich mit der eigenen Mutter vor Gericht, die ältere Schwester Elisabeth wurde Ende der sechziger Jahre Opfer eines bizarren Drogenmordes. Die jüngere Tochter heiratete dreimal, sie war Galeristin, heute betreibt sie im mexikanischen Badeort Puerto Vallarta die Casa Yvonneka. Aus Russland zurück, wo man ihren Vater noch heiß liebt, freut sie sich auf die „Csárdásfürstin“ zum 100. Jubiläum, 2015 in St. Petersburg, und betont: „Kálmán ist wie Puccini, aber zum Mittanzen.“ Oder, um es mit einem von Papas Welthits zu sagen: „Ganz ohne Operette geht die Chose nicht.“