Staatsballett Berlin

„Ich wurde mit Wärme und Leben umhüllt“

Ballettchefin Christiane Theobald kehrt nach schwerer Krankheit zum Staatsballett Berlin zurück. Nun spricht sie über ihre Pläne

Vor einem halben Jahr erfuhr Christiane Theobald, die stellvertretende Intendantin des Staatsballetts Berlin, dass sie Magenkrebs hat. Inzwischen ist die Managerin in ihr Büro zurückgekehrt, hat bereits neue Projekte entwickelt und spricht im Interview erstmals über ihre Krankheit und deren Folgen. Volker Blech hat Christiane Theobald getroffen.

Berliner Morgenpost:

Sie wurden längere Zeit im Kulturbetrieb vermisst. Was ist passiert?

Christiane Theobald:

Ich habe plötzlich die rote Kelle gezeigt bekommen in Form eines Magenkarzinoms. Den Befund habe ich Anfang Mai bekommen, völlig überraschend. Dann ging alles ganz schnell mit den Chemozyklen, mit einer OP, ich habe eine so genannte 4/5-Resektion. Das heißt, ich habe jetzt nur noch ein Fünftel meines Magens.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den Befund bekamen?

An den ersten Gedanken kann ich mich sehr genau erinnern. Ich dachte, ach Gott, du wolltest doch mit deinem Mann noch so viel machen, vielleicht hast du jetzt gar nicht mehr die Zeit dazu. Wir haben immer so viele Dinge zurückgestellt mit der laxen Bemerkung, ach, das machen wir später, wenn ich nicht mehr so viel arbeite. Plötzlich denkt man an das Schicksal, dass einen zwingen könnte, viel früher abzutreten. Jetzt ist alles wieder gut und ich bin ja vergleichsweise schnell wieder hier gewesen. Von Anfang Mai bis Ende Oktober -– das war schon sportlich schnell.

Vertraute bezeichnen Sie als einen Workaholic?

Gut, ich bin ein Mensch, der hochenergetisch ist und auch hochmotorisch und immer das Credo hatte: Man muss an beiden Enden brennen. Das verlange ich eigentlich auch von allen Mitarbeitern beim Staatsballett. Plötzlich hat der Ausspruch für mich eine ganz andere Bedeutung: Eine Kerze, die an beiden Enden brennt, brennt auch viel schneller ab. Ich habe innegehalten und darüber nachgedacht: Ob das alles richtig ist, was ich mache? Was ich wirklich in meinem Leben will? Und dann ist es mir total klar geworden: Es ist das Staatsballett Berlin. Diese Erkenntnis war für mich irgendwie unglaublich angesichts des Befunds. Und ich muss auch sagen, neben meiner Familie hat mich vor allem das Staatsballett durch meine Krankheit getragen. Bei der letzten Premiere, Itzik Galilis Uraufführung von „The Open Square“ im Juni, das war gleich nach meiner Chemotherapie und vor der OP, da war ich nur noch ein Schatten meiner selbst, aber ich wollte dabei sein und saß – wenn man so will – in der Seitenbühne der Komischen Oper versteckt. Die Tänzer haben mich mit Wärme und Leben umhüllt. Diese Momente werde ich nie vergessen.

Haben Sie über den Sinn, über die Gewinne und Verluste des Lebens nachgedacht?

Das habe ich. Vorher war ich voller Begeisterung drin im Hamsterrad. Ich musste lernen, auch Zeiten der Entspannung für mich selbst einzuplanen. Das hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr getan. Ich dachte immer, mein ganzes Leben gehört dem Staatsballett. Jetzt habe ich etwa vor, im Chor zu singen. Sport habe ich immer viel gemacht, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob ich das auf dem Leistungsniveau weiter betreiben kann. Ich schwimme bei den „Robben“ in Berlin, mache Girotonic, was eine ehemalige Tänzerin von uns unterrichtet, und habe einen Personaltrainer gehabt. Außerdem fahre ich Rennrad, das sind alles Dinge, die sehr viele Kalorien verbrauchen. Ob ich die jetzt noch ausreichend zu mir nehmen kann, ist fraglich. Vielleicht mache ich besser Chi Gong oder Yoga.

Das Ballett hat viel mit Musik zu tun und lebt von Emotionen. Nehmen Sie Musik jetzt anders wahr?

Ja, das war eine interessante Erfahrung. Ich bin doch Musikwissenschaftlerin und mein Leben ist Musik. In der ganzen Zeit meiner Krankheit habe ich überhaupt keine Musik gehört, weil ich Angst hatte, mich darin zu verlieren. Ich hatte sogar eine Heidenangst davor. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich wieder Musik höre. Und ich habe mich gefragt, was ich als erstes hören sollte. Ich bin ja ein Mahler-Bruckner-Brahms-Fan. Aber ich habe mit Bach angefangen, zunächst also mit streng strukturierter Musik.

Bach hat immer auch etwas Religiöses in sich. Hat sich Ihr Glauben verändert?

Ich bin sehr katholisch erzogen worden. Daran hat sich nichts geändert. In meinem Glauben hat sich nur insofern etwas verändert, dass ich jetzt sehr leicht gegangen wäre. Was einen innerlich stark macht.

Das Ballett ist nicht für die harte Realität gedacht, sondern immer eine große heile Märchenwelt. Können Sie das jetzt noch so genießen?

Das Ballett ist etwas anderes als mein Befund. Mein Gastroenterologe hat mir gesagt, ich hätte Glück, einen Beruf zu haben, in dem man von so viel Schönheit umgeben ist. Aber das sei eben nicht das Leben. Ich weiß heute meinen Beruf noch mehr zu schätzen. Aber der Ballettbetrieb ist ja nicht aus der Welt gefallen. Es gibt politische Dimensionen, wir haben täglich Trainings- und Probenstress. Und es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Das ist nur das, was wir nach außen transportieren mit unserer Kunst. Meine Ärzte und Krankenschwestern waren übrigens alle schon hier im Staatsballett. Das ist bei mir so: Kaum bin ich wieder senkrecht, muss ich missionieren.

Sie sind Ballettmanagerin und müssen knallhart sein. Sind Sie weicher geworden?

Ich bin toleranter geworden, ja. Ich hoffe, dass ich auch ein besserer Mensch geworden bin. Meine Mitarbeiter sagen, ich wirke etwas gelassener.

Was würden Sie nie wieder tun?

Ich habe mich entschieden, alle Ehrenämter abzugeben. Bis auf zwei... oder drei... vielleicht auch vier. Ich mache weiter als Sprecherin der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren-Konferenz und beim Dachverband Tanz Deutschland, wo ich im Vorstand bleibe. Abgegeben habe ich schon meinen Beiratsvorsitz im Tanzarchiv Köln und meinen Lehrauftrag an der Musikhochschule in Frankfurt am Main. Es geht nicht anders, wenn ich das Staatsballett Berlin als mein Lebenselixier ansehe. Darüber hinaus muss ich meine Tage so strukturieren, dass ich alle zwei Stunden eine Kleinigkeit esse, damit ich ausreichend Energien bekomme.

Gibt es für Sie in dieser Situation so etwas wie Vorbilder?

Aber ja, als ich meinen Befund bekam, musste ich mich zuerst an Claudio Abbado erinnern und mit welcher tollen Haltung er damit umgeht. Ich habe ihn als Dirigenten immer bewundert, aber während meiner Krankheit war er als Vorbild unglaublich wichtig.

Was gibt es Neues beim Staatsballett?

Ich war immer dafür zu haben, neue Projekte anzuschieben und Kooperationen einzugehen. Es ist in der Zeit meiner Abwesenheit natürlich nicht geschehen. Aber jetzt kann ich sogar eine Uraufführung ankündigen. In der „Halle am Berghain“ werden wir am 4. Mai die neue Koproduktion „Masse“ zeigen. Der dreiteilige Ballettabend wird von Nadja Saidakova, Xenia Wiest und Tim Plegge choreografiert. Eigens dafür werden elektronische Stücke komponiert. Und das Bühnenbild macht uns einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler: Norbert Bisky. Wenn das keine gute Botschaft ist?