Berliner Bühnen

Volksbühne und Berliner Ensemble legen deutlich zu

Auch zwei der drei Opern und das Staatsballett verkaufen im ersten Halbjahr mehr Karten

Der Friedrichstadtpalast bleibt mit 195.000 Zuschauern im ersten Halbjahr 2012 die meistbesuchte Bühne Berlins, bei den staatlich geförderten Sprechtheatern verteidigt das Berliner Ensemble den 1. Platz. Interessant sind die Verschiebungen: Denn neben dem Berliner Ensemble konnte auch die Volksbühne zulegen, die Zahl der Besucher stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 5000. Aber es gibt auch Verlierer: Das Deutsche Theater, die Schaubühne, das Hebbel am Ufer (HAU) und das Maxim Gorki Theater konnten weniger Karten verkaufen. Das geht aus dem Bericht der Senatskanzlei über die finanzielle Entwicklung der landeseigenen Theater- und Orchesterbetriebe hervor. Am Montag will der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses über die Zahlen diskutieren.

Insgesamt ging die Zahl der Besucher bei den großen Sprechbühnen um 30.000 auf 475.000 zurück, die höchsten Verluste verbuchte das HAU in den letzten Monaten unter Matthias Lilienthal, der seine Intendanz in diesem Sommer beendete: Es kamen 19.000 Zuschauer weniger als im ersten Halbjahr 2011, allerdings lässt sich dieser signifikante Rückgang einfach erklären: im Mai 2011 hatte das HAU den Spreepark bespielt, 15.000 Menschen strömten in vier Tagen zu diesem außergewöhnlichen Projekt – und sorgten für den sprunghaften Anstieg in der Statistik. Das konnte Lilienthal mit seinem spektakulären Abschlussprojekt nicht ausgleichen: An der von David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“ inspirierten 24-stündigen Tour durch den utopischen Westen konnten mangels Buskapazität nicht allzu viele Menschen teilnehmen.

Komische Oper überrascht

Während die großen Sprechbühnen wieder auf das Besucherniveau von 2010 zurückfielen, konnten zwei der drei Opernhäuser und das Staatsballett beim Publikum punkten: Die Zahl der Besucher stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 25.000 auf 409.000 im ersten Halbjahr 2012. Einen wesentlichen Beitrag dazu hat das Staatsballett geleistet, das mit 71.300 Zuschauern nahezu 13.000 mehr erreichte. Mit 137.400 Besuchern blieb die Deutsche Oper zwar die Nummer eins im Stadt-Ranking, musste aber einen leichten Rückgang (minus 3000) hinnehmen. Weil gleichzeitig zehn Vorstellungen weniger auf der großen Bühne angeboten wurden, stieg die Auslastung allerdings von 69 auf 74 Prozent, die einzelnen Vorstellungen waren also besser besucht.

Bemerkenswert ist die Entwicklung an der Komischen Oper: Jahrelang musste Intendant Andreas Homoki sich mit vergleichsweise bescheidenen Besucherzahlen herumschlagen, aber in seinem letzten halben Jahr in Berlin, Homoki wechselte in diesem Sommer ans Opernhaus in Zürich, hat er fast die 100.000-Marke geknackt: Mit 99.200 Zuschauern kamen etwa 13.000 mehr als im ersten Halbjahr 2011. Das schlug sich auch in der Auslastung nieder, die von 57 Prozent auf 62 Prozent stieg. Immer noch kein befriedigender Wert, aber wenn der neue Chef Barrie Kosky an diesen Aufwärtstrend anknüpfen kann – und dazu sollte die bildergewaltige Inszenierung der „Zauberflöte“ beitragen –, dann dürfte die unter Politikern beliebte Diskussion über die Notwendigkeit dreier Opernhäuser erst gar nicht aufkommen. Ohnehin fällt auf, dass Kosky einen sehr publikumsnahen Spielplan im traditionell nachfragestarken Dezember vorgelegt hat: Neben dem Mozart-Klassiker, der gerade Premiere hatte, stehen Verdis „La Traviata“, Puccinis „La Bohème“, „Der Freischütz“ und „Im Weißen Rößl“ auf dem Programm – da müsste das Publikum dem neue Hausherren eigentlich die Vorverkaufsstelle einrennen.

Positiv auch die Entwicklung bei der Staatsoper, die sich mit ihrem Ausweichquartier Schiller-Theater offenbar arrangiert hat, sie muss ja auch noch eine Weile durchhalten. Die Zahl der Zuschauer stieg um 2000 auf 101.600. Auffällig ist der Zuwachs bei der Auslastung, da konnte die Staatsoper von 74 auf 81 Prozent zulegen, und bei den Einnahmen: der durchschnittliche Erlös pro Karte stieg von 41,70 auf 49,60 Euro.

Philharmoniker mit Spitenzenwert

Das ist unter den landesgeförderten Einrichtungen ein Spitzenwert, lediglich die Philharmoniker liegen drüber: Die nehmen im Schnitt pro Ticket 49,80 Euro ein, der Friedrichstadtpalast kommt auf 43,50 Euro und die Deutsche Oper auf 38,30 Euro. Mit solchen Werten können Sprechtheater naturgemäß nicht aufwarten. Spitzenreiter bei den Erlösen ist das Berliner Ensemble, das pro Karte 20,40 Euro einnimmt. Ein beachtlicher Wert, wenn man berücksichtigt, dass es dort ein Wahlabo mit deutlich ermäßigten Eintrittspreisen und – wie an allen Landesbühnen – vergünstigte Tickets für Studenten und Hartz-4-Empfänger gibt. Mit 110.700 Besuchern, ein Plus von 4000, hat das von Claus Peymann geleitete Theater auch bei den Zuschauern und der Auslastung (79 Prozent) die Nase vorn. Rang 2 unter den Staatsbühnen nimmt das Deutsche Theater ein (94.600 Besucher, ein Rückgang um 5000, die Saison endete bereits im Juni), der Kartenerlös lag bei 16,70 Euro, die Auslastung bei 70 Prozent.

Publikum verloren haben auch das Maxim Gorki Theater (47.200 statt 52.800 Zuschauer) und die Schaubühne: Das Haus am Lehniner Platz bot mit 184 statt 222 Vorstellungen auf der Hauptbühne weniger an, die Zahl der Besucher ging von 63.400 auf 53.300 zurück. Auch die Auslastung sank von 80 auf immer noch gute 75 Prozent. Offenbar gibt es also eine Wanderbewegung hin zum Berliner Ensemble und der Volksbühne. Zu den Vorstellungen an den Rosa-Luxemburg-Platz kamen 80.700 Zuschauer und damit 5000 mehr als im Vergleichszeitraum, die Auslastung stieg deutlich von 59 auf 74 Prozent. Das Publikum honoriert offenbar das künstlerische Wiedererstarken von Frank Castorf – und seine Personalpolitik: Mit René Pollesch und Herbert Fritzsch („Murmel Murmel“) hat der Intendant zwei Regisseure ans Haus gebunden, die eine große Fangemeinde in Berlin haben.